Z E I T E N E N D E

Autor: Allfred (Seite 1 von 8)

Alfred Peter Herrmann, Jahrgang 1948, studierte Psychologie, Philosophie und Wissenschaftstheorie an der Universität Mannheim und leitete dort acht Jahre lang die DV-Sektion des Sonderforschungsbereichs 24 der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Nach Stationen als Systemadministrator und in der Entwicklung von Musiksoftware-war er bei Postbank Systems als Senior-Testengineer und Systemintegrator tätig. Seit 1987 arbeitet er als selbstständiger IT-Consultant und engagiert sich unter anderem ehrenamtlich für das Tibethaus Deutschland. Auf seinem Blog zeitenwende.work reflektiert er über gesellschaftliche und politische Entwicklungen.

Einsamkeit

Einsamkeit quält nicht, weil wir allein sind, sondern weil wir nicht gesehen werden. Die meisten Beziehungen sind Deals – Geben und Nehmen, Maske gegen Maske. Wer das durchschaut, kann weiterspielen oder den Weg nach innen gehen. Doch auch die unfreiwillig Einsamen – krank, alt, arm – finden dort das Einzige, was bleibt: den Punkt, wo der Atem aufsteigt. Ein Essay über die Flucht in die Herde und die Freiheit in der Stille.

Der Kern der Einsamkeit

Einsamkeit kann sehr, sehr schmerzhaft sein, während Alleinsein sehr, sehr angenehm sein kann. Einsamkeit bezieht sich auf andere – Sartre: „Die Hölle, das sind die Anderen“ –, im Alleinsein beziehe ich mich auf mich selbst. Aber wer bin ich, wer wäre ich, ohne die Anderen?

Zurückweisung erzwingt eine schmerzhafte Interpretation: Entweder sind die anderen unfähig, meinen Wert zu erkennen, oder ich bin es nicht wert, gesehen zu werden. Beide Deutungen tangieren das Selbstwertgefühl.

Oder ich weise selbst zurück, weil ich mir vom Anderen nichts erwarte, was mich irgendwie weiterbringt. Es handelt sich wahrscheinlich um Langeweile, um Aggression oder moralisches Urteilen. Auf jeden Fall verweigert man das Gespräch. Und der Andere könnte das auf sich beziehen, das tangiert dann sein Selbstwertgefühl – es sei denn, er kann mich als Kontaktunwilligen in eine entfernte Ecke stellen.

Dieses ganze Thema ist natürlich an Weihnachten und Silvester hochspannend. In unserer individualisierten Gesellschaft, die traditionell auf familiären Bindungen beruht, stellen diejenigen, die komfortable Single-Existenzen ausleben, selbst die Kriterien auf, nach denen sie Beziehungen und Abhängigkeiten eingehen. 

Das ist naheliegend. Und wenn es keinerlei Druck und keinen Zwang gibt, wie zum Beispiel am Arbeitsplatz oder in öffentlichen Verkehrsmitteln, dann wird Alleinsein praktisch mit Komfort gleichgesetzt. Man bildet sich ein, das Selbstwertgefühl steigt dadurch, dass man hohe Hürden für andere aufstellt, eine Art Beurteilungsmacht ausübt – was ebenfalls zu Einsamkeit führt.

Aber wenn wir mal zum Kern vordringen wollen: Es ist dieses Gefühl des Ungeliebtseins und etwas weiter weg das Gefühl der mangelnden Wertschätzung, dass niemand für mich ein Opfer, z. B. Weihnachtsgeschenke, bringen möchte und mir so meinen Wert bestätigt.

Es geht also bei der Einsamkeit hauptsächlich um Selbstwert. Den heben wir am Heiligabend mit gegenseitigen Opfergaben. Deshalb ist auch die Einsamkeit am Heiligabend besonders schlimm. Wenn es schon einen Tag im Jahr gibt, an dem gegenseitigen Opfergaben zur Bestätigung der Wertschätzung Pflicht sind, muss derjenige, der dann draußen vor der Türe bleibt, ein besonders verlorenes Schaf sein.

Selbstwert und die Entwicklung der Persönlichkeit

Der Einsame zweifelt an seinem Wert – dazu hat er wirklich Grund, denn unsere ganze Persönlichkeit entwickelt sich im Kontakt und in Kommunikation mit anderen, und jeder soziale Kommunikationsakt ist mit Bewertungen verbunden.

Der Einsame muss es leisten, sich vorzustellen, dass er nicht deshalb einsam ist, weil er nicht gemocht wird, weil er ein Kotzbrocken ist, weil er die anderen nervt oder sonst irgendwie lästig ist, nein, er muss das künstlich fertigbringen, einen Wert aus sich selber hervorzuzaubern, wenn er wirklich davon unabhängig sein will – und ich kenne eigentlich so gut wie niemanden, der das schafft.

Aber auch wenn ich wirklich ein wertvoller Mensch geworden bin, indem ich vielen Menschen wirklich Gutes tun konnte und sie sich bei mir bedanken, können trotzdem starke Einsamkeitsgefühle auftreten. Denn wie gesagt hängt es nicht davon ab, ob ich tatsächlich physisch einsam bin oder nicht, sondern davon, ob ich mich geliebt, verstanden oder wenigstens wertgeschätzt fühle.

Der Mensch als soziales Wesen 

Dass Einsamkeit so quält, liegt nicht an einer Laune der Natur. Der Mensch ist ein Herdentier, ob er will oder nicht. Unsere Vorfahren, die sich von der Gruppe abspalteten, sind schlicht verhungert oder wurden gefressen – die Evolution hat uns auf Zugehörigkeit programmiert. Ein Säugling ohne Berührung stirbt, auch wenn man ihn füttert. Das Gehirn eines Kindes entwickelt sich nur im Dialog, im Gesehen-Werden. Wir sind buchstäblich auf den Anderen angewiesen, um überhaupt ein Selbst zu werden. Das ist das Paradox: Ich brauche die anderen, um „Ich” sagen zu können. Mein Selbstwertgefühl entsteht im Spiegel der Blicke, die auf mich fallen. Wenn niemand mehr hinschaut, löse ich mich auf. Deshalb tut Einsamkeit so weh – sie bedroht nicht nur mein Wohlbefinden, sondern meine Existenz als Person. Der einsame Mensch spürt: Ich werde nicht, wenn mich niemand sieht. Und trotzdem – oder gerade deshalb – entwickeln wir diese merkwürdige Ambivalenz. Einerseits die Sehnsucht nach Verbindung, andererseits die Angst vor der Abhängigkeit. Wir wollen gesehen werden, aber nicht durchschaut. Wir brauchen die Bestätigung, verachten aber die Bedürftigkeit in uns selbst. Aus diesem Widerspruch entstehen dann all die Deals, die Maskeraden, die Lügen – auch die Lügen vor uns selbst.

Der Deal-Charakter der Beziehungen

Und solange die Beziehungen mit den Partnern in meiner Bezugsgruppe oder auch sogar mit meiner Frau / Mann und meinen besten Freunden auf so einer Art Geschäft beruhen, einem Gleichgewicht des Gebens und Nehmens, einem Deal – solange bin ich in diesen Abhängigkeiten gefangen. 

Jeder weiß das, auch ich weiß, dass ich den anderen bestrafen kann, indem ich mich zurückziehe. Ich verführe, verlocke und drohe, lasse mich verführen und verlocken, vermeide angedrohte Konsequenzen, alles, um das Abhängigkeitsnetz der Beziehungen am Laufen zu halten.

Irgendwann kommt der Moment, an dem ich das durchschaue. Ich bediene alle Deals, man bedankt sich bei mir – und trotzdem erleide ich massive Einsamkeit. Das kann dann eigentlich nur daran liegen, dass ich als der, der ich wirklich bin – oder zu sein glaube – in der Tiefe, nicht gesehen werde von meinen Freunden und auch nicht von meinen Feinden, von niemandem. Niemand kennt mich wirklich, und ich mich selbst folglich auch nicht – ich spiele ein Rolle, durch die ich mich selbst überzeugen möchte, indem ich die Anderen glauben mache, das sei ich.

Die notorischen Lügner und die Hochbegabten

Deswegen müssten die notorischen Lügner alle sehr einsam sein. Sie spielen den anderen etwas vor, an das sie glauben, damit und wenn die anderen es glauben. Ich habe gehört, der gute Lügner kennt die Wahrheit. Das mag sein, was die Gegenstände seiner Täuschungsstrategie angeht. Aber nicht die Wahrheit über sich selbst. Denn offensichtlich ist ihm entgangen, dass Lügen das Selbstwertgefühl schädigt. Der erfolgreiche Lügner wird nicht umhin können, sich selbst mitunter als schlechten Menschen zu sehen – auch Zynismus schützt dann nur begrenzt vor Einsamkeitsanfällen. Er rationalisiert dann einen von ihm nicht durchbrechbaren und nicht zu verantwortenden Teufelskreis, in den er durch äußere Mächte geworfen wurde, um wenigstens Schuldgefühlen zu entgehen. Denn auch diese nagen krass am Selbstwertgefühl.  

Dann gibt es die Begabten, die Hochbegabten, die Analytiker. Diese Rechthaber braucht man als Dienstleister, um die Qualität der Erledigung anstehender Aufgaben zu steigern. Jemand, der wirklich messerscharf analysieren kann, egal um was es sich handelt, wird jedoch privat gerne gemieden – zumindest solange man nicht sicher sein kann, dass er die Leichen im Keller und die Elefanten in den Räumen nicht benennt.

Der einsame Analytiker, wenn er erkennt, dass diese Deals, diese Schmeicheleien, diese Diplomatie an seiner fundamentalen Einsamkeit gar nichts ändert – gerade der hat irgendwann, weil der Frust ja riesig ist, einen Moment, wo die Aggression mit ihm durchgeht – er sagt dem Anderen alles auf den Kopf zu. Das ist dann oft das Ende der Beziehung, weil dann eine gegenseitige Schuldzuweisung, eine Schuldorgie beginnt, die eigentlich alles Positive, was in dieser Beziehung jemals zu sehen war, zerstört.

Das heißt, wenn der Analytiker in diesen schonungslosen Zustand gerät, neigt er zur Verzweiflungstat. Dabei ist ihm klar, dass seine Einsamkeit durch solchen Dammbruch, nämlich den Zusammenbruch jeglicher Deal-Diplomatie, nur noch befördert wird.

Das trifft in der Regel nur auf Menschen zu, bei denen im Leben wirklich etwas schiefgegangen ist, meistens schon in der Kindheit. Die also eine Schädigung ihres Selbstwertgefühls erleiden mussten, dadurch zu Anpassungen gezwungen waren, die man ihnen vorgegeben hat. Die früh gelernt haben: Es geht nicht darum, dass die anderen mich so sehen, wie ich wirklich bin, sondern sie benutzen mich als einen Zweck. Ich soll so sein, dass ihre Zwecke erfüllt werden – und das ist wiederum der Deal-Charakter der Freundschaften.

Deswegen hat mal jemand gesagt: Freundschaft ist kein Deal. Punkt.

Die Einsamkeit des großen Geistes

Wenn der Hochbegabte, der Hochsensible, das Genie an Einsamkeit leidet, müsste ja auch Goethe einsam gewesen sein oder Beethoven oder Dostojewski. Ich glaube schon.

Die Anpassung an die einfachen sozialen Bedürfnisse ihrer Umgebung kann dem großen Geist nicht genügen. Er kann seine Einsamkeit so nicht vertreiben.

Deshalb muss er einen Weg finden, seine Einsamkeit ins Positive zu wenden. Und der Weg ist normalerweise die Produktivität. Er muss es produktiv machen, künstlerisch muss er es verarbeiten. Und wenn er sowieso schon aus irgendwelchen Gründen einsam geworden ist, hat er aus Mangel an zeitaufwendig zu pflegenden Beziehungen die Zeit, sich einem Werk zu widmen.

Der produktive Weg

Wenn die Idee für ein Werk aufblitzt – der Kuss der Muse –, ist die Einsamkeit so gut wie verflogen. Denn er kann davon ausgehen, dass es in der unendlichen Weite der geistigen Regungen jemanden geben muss, der seinen Ausdruck versteht.

Demnach wären viele Kunstwerke im Grunde Hilfeschreie von Einsamen, die sich als Kanal, als Boten verstehen für Botschaften, die Jemand verstehen wird. Dazu hat der einsame Künstler auch jeden Grund, denn wir alle sind in sehr ähnlichen Kulturen aufgewachsen, und niemand kann etwas hervorbringen, das in allen Aspekten völlig unverständlich ist. Das ist fast unmöglich.

Außerdem kann er als Autor jegliche Elefanten im Raum, die Leichen im Keller, spielerisch abrufen, aufrufen und dann damit auch noch einen Bezug zum Leser herstellen. Er möchte dem Leser die biedere Maske herunterreißen, hinter der, in einem Verlies, all die verdrängten Dämonen lauern, die das Handeln und das Selbstbild des Lesers in seinen Beziehungen stärker bestimmen, als ihm bewusst ist. Das könnte ein Gutes Werk sein, einerseits weil toxische Beziehungen von den unerkannten und unbenannten Dämonen herrühren und andererseits diese Art der „entlarvenden“ Kunst einen therapeutischen Effekt hat, weil sie die Möglichkeit der Authentizität eröffnet.

Der einsame Autor schreibt an die, die sich genau wie er ihrer lügnerischen Masken entledigen wollen. Dabei muss er geschickt vorgehen, um den Leser nicht zu verärgern. Kann man eine Haltung, die sich aus über Jahre gepflegten Lebenslügen entwickelt hat, ohne Verärgerung aus destruktivem Fahrwasser in ruhigere, aufbauende Bahnen lenken? Realistischerweise wird es nicht ohne double bind abgehen. Erst muss die Ausweglosigkeit nochmal gefühlt werden, bevor der Königsweg der Authentizität beschritten werden kann.

Solange allerdings alle vom Selbstwertgefühl getriggerten Deals geschmeidig funktionieren, will sagen, dass die gespielten Rollen mit ihren Masken ihren Zweck scheinbar erfüllen, solange entgegengebrachte Wertschätzung wie weiße Salbe auf den inneren, verleugneten, das heißt nicht gesehenen Kern der Persönlichkeit aufgetragen werden kann, wird sich am falschen Leben (Joachim Maaz) nichts ändern.

Das Herdentier und das schwarze Schaf

Diese falsch lebenden Menschen fühlen sich gerade so selten einsam, dass sie den Schmerz der Einsamkeit nicht vergessen, andernfalls würden sie noch ihr Mitläufertum in Frage stellen. Die Angst vor der Einsamkeit hält sie in der Herde. Ihr Moralsystem – wer ist schlecht, wer ist gut, wen darf ich verachten, wen muss ich hochschätzen – ist das Hauptthema der Gruppenkommunikation. Man schwimmt als Herdentier in der Herde. Und natürlich ist das Herdentier nicht einsam. Es plappert in einem fort, um Verbündete zu gewinnen. Nur wenn es aus irgendeinem Grund von der Herde entfernt wird, leidet es Höllenqualen und will unbedingt zur Herde wieder zurück.

Der Schriftsteller, Künstler, der Philosoph, ein Mensch, dem es um Selbsterkenntnis geht, der die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt – fühlt sich schmerzlich einsam, wenn er in einer dumpfen Herde mitläuft. Er empfindet sich als schwarzes Schaf und nimmt sofort, wenn er kann, Kontakt mit den anderen schwarzen Schafen auf. Was aber noch lang nicht heißt, dass er nun wie ein Fisch im „schwarzen“ Wasser schwimmt. Wer seine eigenen Wahrheitswerte hoch entwickelt hat, findet kaum jemanden, der ihn versteht. Dostojewski mit seiner Spielsucht hätte wahrscheinlich andere Hochbegabte schwer genervt. Man könnte sagen, die Explosionen eines höheren Feuerwerks liegen weiter auseinander. Also jemand, der sich sehr stark ausdifferenziert hat in seiner kreativen Einsamkeitsentwicklung, hat wahrscheinlich Probleme, einen Kollegen zu ertragen, der sich ebenfalls, in eine andere Richtung, ausdifferenziert hat in seiner Einsamkeitsentwicklung.

Es gibt da ganz verschiedene Muster: zum Beispiel ist einer sadomasochistisch veranlagt und der andere ist Spielernatur. Das führt zwar schon dazu, dass man sich gegenseitig akzeptieren kann als Outlaw, aber in der direkten Begegnung, wo es darum geht, seine Einsamkeit zu vertreiben, ist es sehr wahrscheinlich, dass man diesen anderen, weit entfernten Geist in seiner Andersartigkeit nicht wirklich an sich herankommen lassen möchte.

Denn die Einsamen sind in ihrer gesamten seelischen Struktur immer bemüht, nicht zu sehr aus einem Gleichgewichtsraster zu fallen. Sagen wir es mal so: Sie sind psychisch sowieso nicht so belastbar wegen ihrer frühen Traumatisierungen und können sich deswegen auch vieles nicht erlauben an intensivem Kontakt mit jemandem, der ziemlich abseitige – also aus ihrer Sicht abseitige – Bedürfnisstrukturen entwickelt hat.

Es gibt interessante Gespräche, aber um die Einsamkeit des großen Geistes zu vertreiben, reicht das nicht. Es reicht eigentlich grundsätzlich nicht. Denn auch hier haben wir wieder einen Deal.

Die ausgestoßenen Einsamen 

Nun habe ich bisher nur über die gesprochen, die in irgendeiner Weise noch wählen können – die sich zurückziehen, die Deals durchschauen, die ihre Masken tragen oder ablegen. Aber was ist mit denen, die keine Wahl haben? Da ist die alte Frau, deren Mann gestorben ist, die die Treppen nicht mehr runterkommt. Der Mann mit der Depression, der das Bett nicht verlassen kann. Der Obdachlose, der stinkt und den die Herde nicht mehr aufnimmt. Die Frau im Rollstuhl vor den Stufen, die niemand für sie gebaut hat. Sie leiden nicht daran, dass sie die Deals durchschaut haben. Sie leiden daran, dass sie nicht mitspielen dürfen. Die Tür ist zu. Von außen verriegelt – durch Krankheit, Armut, Alter, Behinderung. Ja, die Gesellschaft müsste sich ändern. Rampen statt Stufen, Hilfe statt Wegsehen. Aber selbst wenn die Herde sich umdreht – was bleibt, wenn der Körper sich auflöst, wenn die Krankheit fortschreitet, wenn der Tod näherkommt? Auch die beste Therapie, die wärmste Gemeinschaft kann den einsamen Tod nicht verhindern. Jeder stirbt allein. Und gerade hier, wo die äußeren Bedingungen nicht zu ändern sind, wo keine Rampe mehr hilft, kein Anruf, keine Medizin – gerade da wird der Weg nach innen nicht überflüssig, sondern existenziell. Auf dem Sterbebett hilft auch nicht der beste Deal. Dann brauche ich den Kontakt zu meinem Innersten, zum Punkt, wo der Atem aufsteigt. Nicht als Trost, nicht als Flucht – sondern als das Einzige, was trägt, wenn alles andere wegbricht. Die unfreiwillig Einsamen brauchen beides: die Rampe und den inneren Weg. Aber am Ende, im Angesicht des Todes, bleibt nur der Weg nach innen. Und der steht jedem offen, auch dem, der nicht gehen kann.

Wenn Freundschaft kein Deal ist

Was bedeutet das eigentlich: Freundschaft ist kein Deal?

Meiner Ansicht nach bedeutet es, dass man einen Kontakt zum eigenen Innersten gefunden hat, zum Guten, Wahren und Schönen. Wahre Freundschaft sieht den Freund nicht als Ressource, als Verbündeten, als Kamerad, als Notnagel, der auch dann loyal und treu zu mir steht, wenn ich auf dem letzten Loch blase – das wäre wieder die materielle Deal-Ebene –, wahre Freundschaft bedeutet, im Innersten des Freundes mein eigenes Innerstes zu erkennen. Das ist eine andere, höhere Ebene, die nicht mehr vom blinden, unbedingten Willen zum Überleben angetrieben wird, sondern vom Willen zur Freiheit des Geistes, somit getragen von höchstem Respekt für die geistige Freiheit des Gegenübers. Der Freund ist eine andere Ausgabe, eine andere Version meiner selbst, besonders wertvoll gerade durch die Unterschiede, die im Gegensatz zur Deal-Freundschaft keine Gefahr darstellen, sondern notwendig sind für die Fruchtbarkeit der Auseinandersetzung, der Dialoge, der Korrekturen. Welche Lust, mit einem Wahren Freund zu parlieren! 

Aus dem eigenen Innersten kommt die Kraft, die einem Halt gibt, der unabhängig ist von der Beurteilung anderer. Dann können Menschen, die sich selbst kennen, die sich selbst erkannt haben, die die Notwendigkeit und den Sinn sowohl ihrer guten als auch schlechten Eigenschaften erkannt haben, sich darüber erheben, den „Deal“ hinter sich lassen und so der universellen Liebe den Raum geben, den sie zur Entfaltung braucht. 

Wenn so einer ein guter Mensch wird und versteht, warum er ein guter Mensch sein sollte, diese Erkenntnis dann umsetzt, praktiziert und pflegt, schließlich wirklich ein guter Mensch wird – dann ist zwar nicht ganz Schluss mit der Einsamkeit, denn die Bedürfnisebene, die sogenannte tierische Ebene, bekommt er nicht ganz in den Griff. Aber sie wird gesehen als Aufgabe, die einem guten Menschen zuwächst und durch die er normalerweise nicht über- oder unterfordert, sondern adäquat gefordert wird.

Wenn dann Freundschaft kein Deal ist, dann bist du erstmal mit dir selbst befreundet und dann mit anderen. Du erkennst, dass wir alle das gleiche Schicksal teilen: Krankheit, Alter und Tod. Du siehst das Verbindende im Trennenden. Es ist Ansichtssache! Es ist Freiheit!

Und dann begibst du dich auf einen Weg, der glücklich macht. Es ist der einzige Weg, der glücklich macht, der nachhaltig glücklich macht. Du erkennst, dass der Kampf um Liebe keine Liebe bringt, sondern Hass. Und dass die Liebe, die nicht anfällig ist, in Hass umzuschlagen, aus deinem eigenen Innersten aufsteigen wird.

Der Weg nach innen

Also: Setz dich hin und achte auf deinen Atem. Der Atem ist die Verbindung zur Unendlichkeit. Der Punkt, wo er aufsteigt, liegt tief in unserem Inneren. Man findet ihn nicht gleich. Es ist ein langer Weg.

Das macht Sinn, das macht universellen Sinn – im Gegensatz zum Deal, der nur einen ganz kleinen, begrenzten Sinn hat und der bestenfalls ein Gleichgewicht der Bedürfnisbefriedigungen erzielen kann. Aber nie ganz perfekt.

Letztendlich, wenn man die menschliche Gesellschaft, die Struktur der Kommunikation grundsätzlich als Deal ansieht, so wie Trump das tut und auch viele Wirtschaftsprofessoren und Wirtschaftspsychologen das tun – dann ist das Leben ein Nullsummenspiel. Denn für jeden Gewinner gibt es auch einen Verlierer. Bei jedem Schuldner gibt es einen Gläubiger. Für jeden, den man leben lässt, wird auch einer totgeschlagen.

Das macht keinen Sinn. Das macht nicht wirklich Sinn.

Also nochmal: Setz dich hin und suche deinen innersten Punkt, wo der Atem aufsteigt.

Die ewige Wiederkehr

Was haben Pixel auf einem Bildschirm mit Nietzsches ewiger Wiederkehr zu tun? Ein Gedankenspiel aus den 80er-Jahren führt zu einer überraschenden Einsicht: Sobald wir einen Rahmen setzen – ob als Computerbildschirm, Sinnesorgan oder bewusste Wahrnehmung – verwandeln wir Unendlichkeit in Endlichkeit. Und in diesem Akt der Begrenzung entsteht nicht nur die Möglichkeit der Wiederholung, sondern auch Bewusstsein selbst. Eine Reflexion über digitale Kombinatorik, Schöpfung und die Frage, warum Kontrast die Voraussetzung für alles Bewusstsein ist.

Seit der frühen Kindheit habe ich ab und zu abstruse Ideen, die ich normalerweise für mich behalte, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass die Mitteilung derselben generell auf Unverständnis stößt und ich dadurch nur einen Ruf als Sonderling generiere.

Diese Ideen kommen mir, wie bei vielen anderen auch, in der Badewanne, beim Spazierengehen oder auch beim Scheißen.

Im Folgenden werde ich so eine Idee mal zum Besten geben.

Ähnlich wie bei der Verdauung die Entleerung des Darms den Darm vorbereitet für die Neuaufnahme von Nahrung, werden auch Gehirnwindungen durch Entleerung entleert – also durch das Niederschreiben von Ideen. Das Niedergeschriebene kreist dann nicht mehr im Untergrund meines Cortex.

Diese Idee hatte ich zum ersten Mal schon in den 80er-Jahren, als ein Bildschirm auf meinem Schreibtisch stand, der nicht mehr mit Buchstaben bestückt war, mit Zeichen, mit 256 Zeichen, sondern mit Zigtausenden von Pixeln.

Und da hatte ich die Idee, dass, wenn diese Pixelzahl endlich ist und auch die Anzahl der Farben – damals gab es allerdings nur Schwarz und Weiß – dann könnte man ganz leicht ein Programm schreiben, das nacheinander sämtliche Pixelzustände permutiert, also zum Beispiel 1, 0, 0, 1 und lauter Nullen, dann 1, 1 und lauter Nullen, dann 1, 0, 1 und so weiter und so fort.

Da ist sofort klar, dass irgendwann sämtliche darstellbaren Bilder auf dem Bildschirm auch dargestellt wurden, und wenn das Programm dann weiterläuft, geht das praktisch von vorne los.

Hat das Nietzsche gemeint, als er von der ewigen Wiederkehr des Gleichen sprach?

Wahrscheinlich nicht, denn digitale Bildschirme, Bildschirmpixel und Druckerpixel gab es ja damals noch nicht – die Welt war analog, und zwar in allen ihren Teilen.

Wenn man jetzt zum Beispiel postuliert, dass auch das Gehirn digital arbeitet – immerhin gilt das Alles-oder-Nichts-Gesetz: Ein Neuron feuert oder es feuert nicht, 1 oder 0 – sind sämtliche mögliche Darstellungen oder auch Konstruktionen des Gehirns bei gleicher Synapsenzahl im Grunde genommen endlich.

Aber auch wenn man sich jetzt größere oder kleinere Bildschirme vorstellt: Irgendeinen Ausschnitt, irgendein beliebiger – sei es der Bildschirm mit 100.000, mit 1 Million Pixeln – kann zwar ungleich viel mehr Bilder herstellen, bis die Wiederholung einsetzen muss, als ein Bildschirm mit 1.000 Pixeln.

Trotzdem ist das im Grunde genommen kein großer Unterschied.

Der Unterschied besteht in der Auflösung.

Jedes Bild kann hoch aufgelöst oder niedrig aufgelöst dargestellt werden.

Insofern haben wir es mit einer tiefgreifenden Beobachtung zu tun: Praktisch jeder Bildschirm, jede Art von Abbildung, die zweidimensional darstellbar ist, ist in der Gesamtzahl der Möglichkeiten endlich.

Woher kommt das?

Wo das Universum doch eigentlich unendlich ist.

Das liegt natürlich daran, dass wir einen Rahmen hineinziehen.

Der Bildschirm schneidet eine Art Fenster.

Deswegen ist auch der Name Windows, philosophisch gesehen, ein guter Name für ein Computerbetriebssystem.

Und der Inhalt in jedem beliebigen Fenster – die Anzahl der möglichen Inhalte ist nicht unendlich, sondern endlich.

Das gilt wahrscheinlich völlig unabhängig davon, ob sich dieses Bildschirmfenster hier bei mir auf dem Schreibtisch oder eine Milliarde Lichtjahre entfernt in einer benachbarten Galaxie befindet.

Um es noch mehr zu verallgemeinern, kann man sagen: Sobald ich irgendeinen Ausschnitt wähle aus der Unendlichkeit, habe ich natürlich Endlichkeit geschaffen.

Schon die Sinnesorgane definieren einen ganz klaren Ausschnitt aus dieser Unendlichkeit.

Wenn man sich vorstellt, dass jede Setzung, jede Rahmensetzung ein Stück Endlichkeit definiert, etwas, das in seiner Variabilität endlich ist, könnte man von einem Schöpfungsakt sprechen.

Der Terminus „Schöpfung“ passt – das ist das perfekte Bild: Aus dem unendlichen Ozean schöpfe ich mit einem Eimer ein endliches Stück Wasser.

Die Grenzen sind nicht natürlich, sondern gesetzt.

Vom Schöpfer.

Und um die Auflösung der Grenzen muss er sich nicht kümmern – dafür sorgt die Entropie.

In diesem Schöpfungsakt, durch diesen Schöpfungsakt entsteht Dualität und Bewusstsein.

Denn Bewusstsein ohne Kontrast ist nicht vorstellbar.

Bolz-Platz

Norbert Bolz bekommt Besuch vom BKA. Sein Vergehen: Er machte sich über „Deutschland erwacht“ lustig. Zeit für eine Sprachbereinigung – fangen wir mit der Autobahn an.

Der – bis dato – deutsche Vorzeigeintellektuelle Norbert Bolz kommentierte damals im Januar 2024 die TAZ Schlagzeile  „Deutschland erwacht“, mit der das AfD-Verbotsverfahren gefeiert wurde, ironisch so: „Gute Übersetzung von ‚woke‘: Deutschland erwache!“ 

Deshalb wurde er nun bei der Zentralen Meldestelle für strafbare Inhalte im Internet (ZMI) beim Bundeskriminalamt denunziert wegen „Verwendung einer verbotenen NS-Parole“. Was ihm nun am 23. Oktober 2025 eine Hausdurchsuchung einbrachte.

Das sind schon lange keine Einzelfälle mehr. Jedes Mal, wenn sowas passiert, denke ich, jetzt haben sie aber überzogen mit ihrer Einschüchterung, jetzt muss es ja der letzte merken, wo es bei uns hingeht. Bolz ist ja nicht mal ein Dissident, er ist nur ein kritischer Denker, der sich immer treu geblieben ist, was heißt, dass er sich seinen Qualitätsanspruch weder von rechten noch von linken Grobianen beschädigen lassen wollte. Der Mann argumentiert! Er kuschte nicht, gab nicht klein bei und ging das klassische Risiko des Intellektuellen ein, für das sehr viele Vorgänger vor ihm, ich denke z. B. an Emile Zola, einen hohen Preis bezahlten. Da drohte – und droht noch immer – die Vernichtung der Existenz! 

Wenn ich die enorme Reichweite eines Norbert Bolz hätte, müsste ich mich wohl, nach allem, was in meinem Blog zeitenwende.work zu lesen ist, warm anziehen. So eine Hausdurchsuchung ist kein Spaß! Ich habe das schon mal erlebt, im Deutschen Herbst, in der bleiernen Zeit 1977. Fünfzig zivile und fünfzig uniformierte „Bullen“ umstellten unsere 10-Zimmer-Haus-WG, verbrachten alle in das kleinste Zimmer, wo wir 3 Stunden unter einer entsicherten Maschinenpistole ausharren mussten, bis sie alles, was irgendwie nach Geschriebenem oder Fotografiertem aussah, mitgenommen hatten. Ein halbes Jahr später kam dann der Brief von Generalbundesanwalt Rebmann, ohne Entschuldigung. Der Grund sei gewesen, dass in unserem Haus mal der RAF-Anwalt Kornfeld gewohnt habe – den kannte von uns niemand, und ausserdem hätte man unser Telefon ein Jahr abgehört. Die Protokolle hat aber offenbar niemand gelesen – sonst hätte auffallen müssen, dass wir harmlose Hippies waren.

Wie könnte ich die Staatsmacht gnädig stimmen? In vorauseilender Unterwerfung gestehe ich, dass ich schon oft nationalsozialistische Formulierungen in meiner grenzenlosen Naivität benutzt habe. „Alles für Deutschland“ zwar nicht, aber z. B. „Autobahn“, „Kulturschaffende“, „Sonderbehandlung“, „Betreuung“, „Volk“, „Entartet“. Um das wieder gut zu machen, und mich auf der richtigen Seite der Geschichte wiederzufinden, schlage ich vor, die „Autobahn“ umzubenennen in „Highway“. Jeder, der vor der Wende geboren ist, weiß, dass die „Autobahnen“ untrennbar mit Hitlers Aufstieg verbunden sind. Die Autobahn war das Propaganda-Meisterwerk des Regimes – obwohl kaum jemand ein Auto besaß, um darauf zu fahren. Das A-Wort sollte zum Unwort des Jahres gekürt werden. 

Neulich kam ich an einem Altenheim vorbei. Ich erkannte es daran, dass in großen Leuchtbuchstaben „Senior Living“ darauf geschrieben stand. Offenbar „zieht“ der angelsächsische Begriff mehr als das schnöde „Altersheim“, was nicht einmal nationalsozialistisch vorbelastet ist.

Jeder, der „Autobahn“ sagt statt „Highway“, steht in Zukunft im Anfangsverdacht, mit den „Rechten“ zu sympathisieren. Und darf, zu seinem eigenen und unser aller Bestem, bei der Zentralen Meldestelle im Internet (ZMI) angezeigt werden.

Aber ein Problem hab ich noch, was mir Kopfzerbrechen bereitet: „Deutschland muss kriegstüchtig werden“ – das hat doch nicht nur der Deutsche Verteidigungsminister in letzter Zeit mehrmals wiederholt, sondern auch Propagandaminister Goebbels im 2. Weltkrieg. Unter anderem in der Rundfunkrede vom 26. Juli 1944 nach dem Hitler-Attentat. Das Zitat lautet dort:

„Ich verspreche dem deutschen Volke, nichts unversucht zu lassen, um in wenigen Wochen die Heimat in jeder Beziehung kriegstüchtig zu machen.“ Es wurde eine  nationalsozialistische Parole. Ein hochgebildeter deutscher Minister muss das doch wissen. Ich verspüre nun eine gewisse schmerzhafte kognitive Dissonanz.

Um die zu lindern, habe ich in den sozialen Netzwerken nach Statements und Einordnungen gesucht, die geeignet wären, meinen Blickwinkel so zu weiten, dass dieser schmerzhafte Widerspruch sich als das erweist, was er ist, ein Scheinwiderspruch.

Wer sucht der findet. Ein gewisser Nadagain hat vor 8 Monaten hier gepostet: „Das eine ist eine SA-Parole, das andere eine Notwendigkeit.“ 

In meiner politischen Kurzsichtigkeit habe ich mal wieder übersehen, dass das Handeln unserer Regierung von „Notwendigkeiten“ bestimmt wird, also alternativlos ist.

Ganz sicher war auch die Durchsuchung des Hauses von Norbert Bolz „alternativlos“. Wenn wir die Sprache und Wortwahl unserer Intellektuellen nicht überwachen und reinigen von schlechtem Gedankengut, dann droht Wildwuchs und Chaos, dann steigen wir ab aus der Oberliga und landen irgendwann auf dem Bolz-Platz. 

Land der Tugend

Eine Reflexion über Unbestechlichkeit in der Moderne

Das chinesische Wort für Deutschland bedeutet übersetzt: Land der Tugend.

Die sogenannten Deutschen Tugenden, das ist nicht nur Fleiß, nein, auch Wahrhaftigkeit, Mut, Disziplin und insbesondere Unbestechlichkeit führen derzeit — in der Zeitenwende — ein Schattendasein. Verrückt, dass ausgerechnet kriegerische Politiker in ihrer Werbung für Kriegstüchtigkeit die im Grunde zeitlose Attraktivität der Tugenden missbrauchen für ihre geopolitische Agenda, denn diese Politiker sind gerade ein Musterbeispiel für Bestechlichkeit, Verlogenheit und Disziplinlosigkeit. Als die Moderne in den American Way of Life mündete, in „Genuss ohne Reue“, in „Carpe Diem“, in „nach mir die Sintflut“, in „wenn ich’s nicht mache, macht’s ein anderer“, ersetzte in dieser modernen Beliebigkeit fortan der erzielbare Genuss den Schweiß im Angesicht. Nur der Krieg scheint mit Blood, Sweet and Tears die Tugenden zu erzwingen. Das wäre allerdings das größte denkbare Missverständnis. Denn der Krieg ist das Ergebnis von Untugend und bringt jede Untugend zu ihrer äußersten Ausformung.


Ich sag es gleich: Ich bin ein Fäään von Lafontäään. Lafontaine hat damals, bei seiner Kanzlerkandidatur 1990, den Deutschen die Wahrheit über die Kosten des Anschlusses der Ost-Länder gesagt. Das wollte aber niemand hören – sie wollten die „schnelle Mark“. Kohls Wechselkursangebot Eins-zu-Eins hat die Ostdeutschen bestochen und somit indirekt die im Grundgesetz vorgesehene Möglichkeit einer neuen Verfassung, die Lafontaine bevorzugt hätte, zum Scheitern verurteilt. Lafontaine, dessen bundespolitische Laufbahn mit der Verehrung Willy Brandts begann, wäre der Richtige gewesen, die Friedensdividende von Brandts Ostpolitik in unumkehrbare Formen zu gießen. Weil er, wie Brandt, Bestechlichkeit verachtete. Dafür, dass er reinen Wein einschenkte, wurde er bestraft – die 90er wurden zum Parforceritt der neoliberalen Bestechlichkeit.

Die vergessene Kultur der Verehrung

In asiatischen Gesellschaften – ich kenne mich nur mit der indischen und der tibetischen etwas aus – findet man noch so etwas wie die Verehrung der Älteren. Das alleine klingt in den westlichen, aufgeklärten Gesellschaften schon idiotisch, wenn nicht gar zurückgeblieben. Im Gegensatz zu unserer Fan-Kultur, in der wir für Stars jedweder Art, seien es Sportler, Künstler oder Politiker, nur Bewunderung übrig haben, gibt es dort die „Ehre“ noch, die im Westen in der sogenannten Aufklärung auf der Strecke geblieben ist. Bei dem Wort „Ehre“ denken wir an die alten Rittersleute, Duelle, Orden, „Jubelperser“ und die Weltkriege, in denen Ehre und Vaterland zusammen mit Nationalismus und Exzeptionalismus den Boden düngten, auf dem diese Kriege erst möglich wurden.

„Du sollst Vater und Mutter ehren“ – die tiefe Weisheit dieses Ratschlags aus den „Zehn Geboten“ wird hierzulande zusammen mit den christlichen Kirchen auf dem Müllhaufen der Geschichte entsorgt. Dabei hat das Konzept der „Verehrung“ nur positive Aspekte, sowohl für den Verehrten als auch für den Verehrenden. Jede Art von Ehre ist untrennbar mit Tugenden verbunden, die sich in jeder Gesellschaft herausbilden, denn nur wenn ein gewisses Maß an Tugenden in der Gesellschaft blüht und gedeiht, kann sich jedes Mitglied wohlfühlen und hat Lust, in seiner Funktion gedeihlich am Allgemeinwohl mitzuwirken.

Der Verehrende fühlt etwas Heiliges im Angesicht der Weisheit eines Älteren, dessen Vorbild er nachstreben will, weil dieser mit seiner ganzen Person, mit Körper, Sprache und Geist für eine Tradition steht, die das Wohl der Gesellschaft seit Alters her sichert und beschützt. Er sieht sich als Schüler, der vom verehrten Lehrer nicht nur Wissen und Fähigkeiten erwirbt, um im Lebenskampf zu bestehen, sondern auch – und vor allem – eine Weltanschauung, eine Lebensphilosophie, ein Menschenbild, das ihm ermöglichen soll und wird, glückliche Beziehungen zu seinen Mitmenschen aufzunehmen.

Um dieses Gefühl der Verehrung, dieses durch und durch positive Gefühl, aufzubauen, müssen einige Voraussetzungen gegeben sein. Der verehrte Lehrer muss ein guter Mensch sein, das heißt, er muss seinen Egoismus, seinen Narzissmus vollkommen aufgegeben haben, was der Schüler im direkten Umgang jederzeit feststellen kann – der Lehrer antwortet auf Beleidigungen, Schmähungen oder böswillige Schädigungen nicht mit Hass und Selbstbehauptung, sondern agiert geschickt und besänftigend – was dem Schüler nicht nur Bewunderung abnötigt, sondern eben auch das heilige Gefühl der Verehrung aufsteigen lässt.

Der Verehrte muss durch alle menschlichen Höhen und Tiefen gegangen sein, um diese Unerschütterlichkeit zu erreichen. Das Wohl aller Wesen ist ihm höchste Maxime. Er weiß, dass nur diese Haltung auch sein eigenes Lebensglück bedingt und dass er nur dadurch am Ende seines Lebens zufrieden und entspannt die Augen schließen kann. Denn er hat seinen Auftrag erkannt und bestmöglich ausgeführt.

In den genannten asiatischen Gesellschaften ist der „Guru“, zu deutsch „Lehrer“, ein fester Bestandteil des täglichen Umgangs. Die Gesten der Verehrung – „betende Hände“ als Begrüßung (Namaskaar, Namaste), Verbeugung, Niederwerfung – sind nicht Zeichen der Unterwerfung, sondern der Verehrung. Der Guru verbeugt sich ebenfalls, wirft sich genauso nieder wie der Schüler: er hat den göttlichen Ursprung aller Wesen erkannt.

Vom Geistwesen zur Konsummaschine

Was heute als Moral gilt, ist oft nur der Versuch, anderen die eigenen Maßstäbe von Gut und Böse aufzuzwingen. Zwischen einer solchen herrschenden Moral und authentischem Gutsein klafft jedoch ein Abgrund.

Leider muss man sagen, dass auch im ferneren Osten die Grenze zwischen Unterwerfung und Verehrung ins Rutschen, ins Fließen gekommen ist. Es ist schon erstaunlich genug, dass es Gesellschaften gibt, die nur durch Herzensbildung ihrer Mitglieder, fast ohne Zwang, ein friedliches, lustvolles und kreatives Leben ermöglichen – die Versuchung des Egoismus, des Lügens, Stehlens, Intrigierens usw. ist grundsätzlich sehr stark, das weiß jeder, der einmal ein Volks-Theaterstück von Johann Nestroy erlebt hat –, aber seit dem Aufkommen des Materialismus im Zuge der europäischen Aufklärung, die den Menschen nicht mehr als Entdecker und Bewahrer ewiger Werte sieht, die nur durch Entwicklung jener Tugenden bewahrt werden können, sondern als soziale Bedürfnis-Maschine, die gut geölt sein will, gilt die Anfachung und Lenkung des Konsums als Ultima Ratio der politischen Klasse.

Der Mensch ist im materialistischen, naturwissenschaftlich gestützten Weltbild kein Geistwesen mehr, dessen Geist in höchster Selbsterkenntnis ein Spiegel des Heiligen Geistes ist, sondern ein Herdentier, ein Säugetier. Die Elite sieht ihre Aufgabe darin, durch „artgerechte Menschenhaltung“ (s. Franz M. Wuketits 2012) eine gewisse Zufriedenheit der Bevölkerung sicherzustellen. Durch die Unwiderstehlichkeit des „American Way of Life“ in der Globalisierung gilt dies inzwischen nicht nur für die westlichen Völker und ihre Eliten, die durch ungeheuren Fortschritt in Technik und Wissenschaft reich und mächtig geworden sind, sondern auch für tausendjährige Kulturen, deren Stabilität sich auf Einfachheit, Wahrheit, Schönheit gründete, welche unmittelbar ein Ausfluss jener Tugenden war, die die Älteren den Jüngeren, die Lehrer den Schülern, die Wissenden den noch Unwissenden beibrachten.

Die artgerechte Menschenhaltung beruht zuallererst auf Bestechlichkeit. Im Kapitalismus ist vor allem der bestechliche Bürger ein guter Bürger. Aus Sicht des Kapitals ist vor allem der bestechliche Politiker ein guter Politiker. Ist diese Denkweise — Zuckerbrot — allgemein akzeptiert, kann auf die Peitsche verzichtet werden, die behält man für Notfälle, für den Ausnahmezustand, in der Schublade. Die artgerechte Menschenhaltung kann elegant über Geldfluss – Meinungsmanagement, kognitive Kriegführung – gesteuert werden. Diese selbsternannten Eliten, für die Kardinaltugenden Schnee von gestern sind und bestenfalls für Sonntagsreden taugen, definiere ich wie folgt: sie verfügen über Banklizenzen, also das Monopol der Geldschöpfung, und das wird ihnen so leicht kein Habenichts oder Bitcoin-Apologet aus der Hand schlagen.

Lafontaine gegen Fischer: Unbestechlichkeit gegen Opportunismus

Lafontaine war aus einem anderen Holz geschnitzt. Ich erinnere mich lebhaft an seine Fernsehduelle mit Heiner Geißler im Zuge seiner Kanzlerkandidatur 1990. Auch Heiner Geißler war aus einem anderen Holz geschnitzt. Geißler hatte bei den Jesuiten, einem katholischen Elite-Orden, Lafontaine in einer katholischen Klosterschule bzw. dem bischöflichen Cusanuswerk Bestechlichkeit verachten gelernt. Man kann über die Jesuiten sagen, was man will, aber die Kardinaltugenden standen hoch im Kurs. Joschka Fischer hingegen, wie ich Jahrgang 1948, der Lafontaine einmal als den intelligentesten Politiker bezeichnete, dem er je begegnet sei – da war er mit ihm in der Regierungskoalition –, ist für mich das Paradebeispiel für schmierige Bestechlichkeit: in einem Fernseh-Zweiteiler, der den Ehrgeiz hatte, ihm auf den Grund zu gehen, schaffte er es, seine schmierige Bestechlichkeit zuzugeben und gleichzeitig als bewundernswerte Charaktereigenschaft eines „Großen“ auszugeben.

Was die Bestechlichen – ich meine nicht die Erpressten, nicht diejenigen, die sich Unbestechlichkeit schlicht nicht leisten können –, und noch mehr die Lügner und Betrüger, immer unterschätzen, ist, dass ihre intriganten Strategien, von denen sie glauben, dass sie für ihren Erfolg unabdingbar sind, ihr Selbstwertgefühl untergraben. Das Selbstwertgefühl, der Parameter für psychische Gesundheit Nummer eins, geht baden. Jede Lüge schwächt das Selbstwertgefühl, das Selbstvertrauen und das Vertrauen in das Leben schlechthin. Warum sollte ein authentischer Mensch voller Selbstvertrauen lügen? Lediglich das Vertrauen in die eigene diabolische Intelligenz wird gestärkt. In dem Maße, wie das zweite Vertrauen das erste, das auf den Tugenden beruht, ersetzt, entwickelt sich eine narzisstische, manipulative Persönlichkeit, die zwar über hohe Intelligenz verfügen kann – der Schurke im James-Bond-Film ist immer hochintelligent –, aber die Verzweiflung über die eigene Schlechtigkeit, die sich nie ganz verdecken lässt, muss zunehmend durch Machterwerb kompensiert werden. Der Mächtige kann nicht ganz falsch liegen, Gott scheint mit ihm im Bunde zu sein.

Trauma als Schlüssel zum Verständnis

Aber da liegt er ganz falsch. Er ist mit Luzifer im Bunde! Mit Mephisto! Gerade wir Deutsche, denen Goethes Faust in die Wiege gelegt wurde, müssen über Bestechlichkeit noch mal neu nachdenken. Und darüber, ob der Mangel an Selbstachtung, Selbstvertrauen und Vertrauen schlechthin nicht schon viel früher eingesetzt hat. Wie viele von uns wurden schon in der Kindheit durch Lieblosigkeit und Misstrauen traumatisiert? Es handelt sich um eine massenhafte psychische Störung mit Wiederholungszwang. Eine verzerrte, negative Wahrnehmung der sozialen Umwelt ist die Folge. Wenn ich mich beim Lügen und Betrügen ertappe und den anderen, den „Feinden“, die Schuld gebe, sollte ich einen Moment innehalten und mich fragen, ob ich selbst ein Teil des Problems bin.

In der Zeitenwende, in der wir uns befinden, in diesem Epochenbruch, wird es darauf ankommen, wie viele Menschen erkennen, dass in der Krise eine fundamentale Entscheidung gefordert ist: will ich Teil des Problems oder Teil der Lösung sein? Mit jeder Lüge und Selbstlüge zementiere ich mich als Teil des Problems. Habe ich den Mut, mich auch schmerzhaften Wahrheiten zu stellen? Für Schopenhauer war die Neigung des gewöhnlichen Menschen zum Betrug und Selbstbetrug unausrottbar. Aber er kannte die heutige Trauma-Therapie-Forschung nicht.

Teil der Lösung werden

Also: nur Mut! Lasst uns Teil der Lösung sein! Wann immer wir Bestechlichkeit, Betrug, Raffgier, Feindseligkeit begegnen, verstehen wir das als Trauma-Folgen und nehmen es als Herausforderung, unser eigenes Trauma der Ungeliebtheit ad acta zu legen, indem wir der Wahrheit die Ehre geben. Auch wenn sie schmerzlich ist. „Lügen brüten Unheil, Wahrheit macht gesund“! So der Titel eines Kapitels in „The Gift of the Spirit“, Prentice Mulford 1898.

Die narzisstischen Lügengebäude führen in die ausuferndste aller psychischen Krankheiten: die Paranoia. Das charakteristische — und tragische — daran: sie ist eine selbsterfüllende Prophezeiung. Krankhaftes Misstrauen führt zu Handlungen, die Reaktionen provozieren, die wiederum das Misstrauen gerechtfertigt erscheinen lassen. Der Ausgangspunkt ist fehlende Selbstachtung und allgemeines Misstrauen. Das Drama nimmt seinen Lauf. Am Ende bringen sich alle gegenseitig um. Ungezählte Theaterstücke und Krimis, die einen warnend, die anderen lakonisch, schlagen uns damit in ihren Bann. Der erste Schritt als Teil der Lösung wäre, keine Eintrittskarte mehr zu lösen, wenn aus diesem Theaterstück Ernst wird. Wenn nicht mehr mit Platzpatronen geschossen wird. Weil Paranoia ansteckend ist, sollte man sich fernhalten. Ein Meter fünfzig reicht nicht.

Wir sind vielleicht viele, die so denken. Im Ernstfall folgen wir dem Ratschlag Ernst Jüngers und treffen uns im Wald. Dort werden wir uns daran erinnern, dass es einmal Politiker wie Lafontaine gab, die Bestechlichkeit verachteten. Und vielleicht werden wir erkennen, dass nicht er gescheitert ist, sondern eine Zeit, die seine Tugenden nicht zu schätzen wusste. Das ‚Land der Tugend‘ wartet darauf, wiederentdeckt zu werden.

Der Pazifist oder die Logik der Abschreckung

In einer Zeit, in der die Weltuntergangsuhr der Atomwissenschaftler 90 Sekunden vor Mitternacht zeigt – näher am Abgrund als je zuvor –, stellt sich eine fundamentale Frage: Führt die Logik der Abschreckung wirklich zum Frieden oder ist sie der erste Schritt in den Krieg?

Dieser Artikel ist unter dem Titel „Abschreckung bis zur Auslöschung“ auch bei MANOVA erschienen.

Ich sage es gleich: Ich bin Pazifist. Was ist das, ein Pazifist? Einer, der die rechte Backe hinhält, wenn einem auf die linke geschlagen wird? Das ist der radikale Pazifismus, den Jesus gepredigt hat. Auch der in Deutschland sehr beliebte Mahatma Gandhi war sehr erfolgreich mit einem radikalen Pazifismus, der jegliche Gewaltanwendung sogar zur Selbstverteidigung ablehnt. Die Deutschen galten ja bis vor Corona noch als das pazifistischste Volk Europas, das man kaum zum Jagen tragen konnte. Bundeskanzler Kohl hat noch zehn Milliarden an die Amerikaner berappt, um am Golfkrieg nicht teilnehmen zu müssen. Erst SPD-Kanzler Schröder und sein grüner Kompagnon Joschka Fischer haben 1999 einen Angriffskrieg begonnen, der nicht von den Vereinten Nationen (UN) gedeckt war. Man hat elf Wochen lang Serbien heftigst bombardiert, zuerst die Klärwerke und Elektrizitätswerke, dann Fabriken und sonstige Infrastruktur. Wie üblich in solchen Fällen bemüht man zur Rechtfertigung Hitler-Vergleiche. Statt „Nie wieder Krieg“ war Joschka Fischers Propagandahebel „Nie wieder Auschwitz“. Dazu muss man Slobodan Milošević natürlich so etwas wie Auschwitz unterstellen, was man auch versucht hat, dies erwies sich aber später als nicht haltbar.

Das erklärt vielleicht, warum ich heute so erstaunt bin, dass all diese Christen, die zu Hause einen Jesus am Kreuz hängen haben, bereit sind, mich als Putinversteher beziehungsweise Putinknecht herabzuwürdigen, wenn ich eine pazifistische Position vertrete. Eine pazifistische Position bedeutet jedoch beispielsweise, in einem Konflikt beide Seiten zu Wort kommen zu lassen. Wenn wir einem Angeklagten das Wort verbieten, sind wir definitiv im Faschismus!

Es gibt eine sehr schöne Definition von Pazifismus, nämlich: Frieden schaffen ohne Waffen. Leider scheint dieser Satz wenig Überzeugungskraft zu haben, denn die meisten Menschen halten es immer noch für selbstverständlich, dass der gegenteilige Satz „Frieden schaffen mit Waffen“ alternativlos sei. Das Zauberwort hier lautet Abschreckung: Die bösen Räuber dieser Welt würden ohne Abschreckung rauben und morden ohne Ende.

Doch wohin führt uns diese Denkweise? Eine solche Art zu denken führt uns schlicht in barbarische Zeiten, in vor-zivilisatorische Zeiten, als das einzige Gesetz gegen die Macht des Stärkeren das biblische Gesetz „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, von Gott höchstselbst den Menschen gegeben, war. Das ist sogar ein ziemlich kluger Satz, weil er die extrem starke Tendenz zur Konflikt-Eskalation zu bremsen versucht. Es hat dann allerdings einige tausend Jahre gedauert bis zur Proklamation der Menschenrechte, dem Gewaltmonopol des Rechtsstaats, der von freien und gleichberechtigten Bürgern gebildet wird, dessen friedensschaffendes und friedenserhaltendes Prinzip auch von den Vereinten Nationen verwirklicht werden sollte. Das hat jedoch nicht geklappt. Leider ist die internationale Politik immer noch ein rechtsfreier Raum. Mit der Einhaltung des Völkerrechts schmückt man sich nur, wenn es den eigenen Interessen dient. Das liegt wohl am fehlenden Gewaltmonopol. Also zurück zur Barbarei, zur Politik der Abschreckung.

Wir Deutschen sollten, wenn wir das Wort „Abschreckung“ hören, sofort an die Hitlerzeit denken, denn niemand hat in der Menschheitsgeschichte seine Gräueltaten dermaßen mit Abschreckung begründet wie die Nazis. Die Logik der Abschreckung ist die wahre Ursache für Krieg. Die Bombardierung Guernicas sollte die Basken abschrecken, die Vernichtung von Oradour-sur-Glane sollte die französische Résistance abschrecken, die Auslöschung Lidices sollte die Tschechen nach der Ermordung von SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich abschrecken. Damit diese Logik der Abschreckung, die man auch Kriegslogik nennt, wirkt, muss man bereit sein zu Gräueltaten, sonst wird die Abschreckung vom Feind nicht ernst genommen. So zu tun, als wäre man zu Gräueltaten bereit, reicht jedoch nicht – das allein ist noch nicht glaubhaft –, man muss es auch tun. Ein gutes Beispiel sind die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki. Furchtbare Gräueltaten, die bis heute den Respekt vor dem amerikanischen Imperium begründen.

Pazifist wird man in dem Moment, in dem man erkennt, dass die Logik der Abschreckung der erste Schritt in den Krieg ist. Wobei Selbstverteidigung im nicht ganz so radikalen Pazifismus, im Gegensatz zum Pazifismus Jesu oder Gandhis, erlaubt und sogar geboten ist. Dummerweise wird von jedem Angreifer sein Angriff als Selbstverteidigung dargestellt.

Wie diese Logik in der Praxis funktioniert, zeigt sich am aktuellen Konflikt in der Ukraine. Da bildet Putin keine Ausnahme in seinen Reden. Zur Begründung des Völkerrechtsbruchs hatte er explizit auf den Präzedenzfall des Kosovo-Krieges Bezug genommen. Auch Somalia, Libyen, Irak und vor allem Syrien – Länder, mit denen Russland traditionelle Beziehungen und Beistandsverpflichtungen unterhielt – nannte er. Und überhaupt glauben die Russen, das Recht zu haben, sich dem Hegemonie-Anspruch des US-Imperiums zu widersetzen und nach eigener Fasson selig zu werden. Es gebe schließlich nicht nur einen Antisemitismus, es gebe auch einen Antislawismus. Diese Ängste sind nicht unbegründet — bei uns wird nicht erst seit Februar 2022 Angst vor den Russen geschürt, obwohl jedem geschichtsbewussten Mitbürger klar sein müsste, dass die Russen historisch mehr Grund haben, vor uns Angst zu haben als umgekehrt. Beides lasten sie den westlichen Faschisten und Nazis an, die nicht vor der Ausrottung auch slawischer Völker zurückschreckten, die sie für minderwertig erklärten.

Nachdem Putin den Ausverkauf der Bodenschätze an internationale Oligarchen gestoppt hat, hat sich die im Grunde gutmütige russische Seele wieder gefangen und sich ihrer selbst vergewissert. Acht Jahre Krieg gegen die russische Bevölkerung des Donbass – einst das Ruhrgebiet und Hightech-Standort der UdSSR –, angezettelt von amerikanischen Geostrategen, die das „Herzland“ unter ihre Kontrolle bringen wollen, ständige Aufrüstung direkt an der russischen Grenze und schließlich die angestrebte NATO-Mitgliedschaft ließen jedes Fass überlaufen. Die bereits von Putin auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2007 genannten roten Linien waren überschritten. Putins Einmarsch setzte ein Zeichen der Abschreckung: bis hierhin und nicht weiter. Da in diesen acht Jahren die ukrainische Armee von den Amerikanern mit den modernsten Waffen ausgerüstet worden war – sogar Bundeskanzlerin Merkel hat zugegeben, dass Minsk II nicht ernst gemeint war, sondern den Zeitrahmen für diese Aufrüstung schaffen sollte –, entwickelte sich die geplante Militäraktion anders als erwartet. Putin hatte ursprünglich vorgehabt, diejenigen zu verhaften und vor Gericht zu stellen, die er für die Bombardements der Großstädte im Donbass verantwortlich machte — Kräfte, die er als „Faschisten“ und „Nazis“ bezeichnete. Doch die Operation blieb im Stellungskrieg stecken. Nach russischer Darstellung konnten immerhin viele Biowaffenlabore geschlossen werden, in denen Kampfstoffe entwickelt wurden, die speziell slawische Ethnien krank machen sollten und im Bereich der russischen Grenze „mit Erfolg“ getestet worden seien.

Von all diesen Hintergründen und Argumenten erfahren die Deutschen nichts, die russischen Quellen wurden, soweit möglich, geblockt. Der Angeklagte darf nicht gehört werden. Abschreckung ist wie unter Hitler wieder das Maß aller Dinge.

Und so breitet sich diese Denkweise wie ein Virus aus: Wie eine ansteckende Krankheit, die sich im Gegensatz zu Corona von Mutation zu Mutation verschlimmert, greift das Abschreckungsvirus immer weiter um sich. Alle rüsten wie verrückt, die Grünen vergessen die Umweltzerstörung, die CDU vergisst die christliche Botschaft, die SPD vergisst die „kleinen Leute“, die sowieso als erste draufgehen, die Linken vergessen die Solidarität mit den Schwachen, und alle zusammen vergessen die Atombomben.

Das ist nun wirklich der Gipfel der Absurdität, dass in einer Zeit, in der wieder Abschreckungsideologen regieren, die Mutter aller Abschreckung, nämlich die Atombombe, vergessen wird. Dabei stehen wir heute näher am Atomkrieg als jemals zuvor seit der Kubakrise 1962. Die Weltuntergangsuhr der Atomwissenschaftler zeigt 90 Sekunden vor Mitternacht — so nah am Abgrund waren wir noch nie.

Wer die Logik der Abschreckung zu Ende denkt, landet bei der atomaren Vernichtung der Menschheit. Das ist die ultimative Konsequenz dieser Denkweise: die totale Zerstörung als letztes Argument. Genau deshalb ist der Pazifismus heute keine romantische Utopie, sondern ein Gebot des Überlebens. Die Alternative zur Abschreckungslogik ist nicht Unterwerfung — die Alternative ist das Erwachen zu unserer fundamentalen Verbundenheit, die Erkenntnis, dass der Schmerz des anderen unser eigener Schmerz ist, dass es keinen wirklichen Sieg geben kann, wenn er auf dem Leid anderer fühlender Wesen beruht.

Doch die Logik der Abschreckung verlangt das Gegenteil: Sie erklärt andere Menschen zu Werkzeugen des Teufels, damit wir uns als Werkzeuge Gottes sehen können. Der Feind denkt genauso. Aber in dem furchtbaren Totalitarismus, der aus dieser Denkweise erwächst, gilt eine solche Erkenntnis als Wehrkraftzersetzung. Man kann dafür an die Wand gestellt werden. Denn der Sieg muss unser sein — sonst wären unsere Helden umsonst gestorben.

Schließen möchte ich mit Erich Kästner:

„Glaubt nicht,

Ihr hättet Millionen Feinde.

Euer einziger Feind

heißt — Krieg.“


Dieser Text wurde als Rede auf der Friedensdemo am 7.7.2025 auf dem Marktplatz in Bonn gehalten.


B B B

Eine Glosse über Satiriker und Giftspritzer

B B B – so beginnt das Alphabet der deutschen Meinungsmache. „Brigitte Bardot bumsen“ hielt ich in jungen Jahren noch für Satire – naive Zeiten, in denen Alliterationen und Fäkalhumor als Gipfel des Witzes galten. Aber spätestens bei Bonn / Baden-Baden / Berlin wird es ernst. Diese drei Städte prangen auf meiner Visitenkarte – berufliche Stationen zwischen Rhein und Spree, zwischen Regierungsvierteln und Medienlandschaften. Genug Zeit und Gelegenheit also, um zu beobachten, wie hier der Kampf um die Deutungshoheit zwischen echten Satirikern und bloßen Giftspritzern tobt.

Das Trio Infernale der deutschen Medienwelt – Bosetti, Böhmermann, Broder – liefert täglich Anschauungsunterricht dafür, wie dünn die Grenze zwischen beißendem Witz und billiger Polemik sein kann. Sarah Bosetti etwa klassifizierte Impfverweigerer kurzerhand als „Blinddarm, der weg kann“. Jan Böhmermann feierte seinen endgültigen Durchbruch mit der poetischen Würdigung des türkischen Präsidenten als „Ziegenficker“. Und Henryk Broder befand über Greta Thunberg: „Eine seelisch gestörte Göre, die von ihren Eltern missbraucht wird.“

Moment mal – ist das noch Satire oder schon Cybermobbing mit Öffentlich-Rechtlichen Sendeplatz?

Die Unterscheidung ist eigentlich simpel: Echte Satiriker betreiben konstruktive Kritik. Sie kontextualisieren, entlarven Manipulationen und halten der Gesellschaft den Spiegel vor – manchmal schmerzhaft, aber immer mit dem Ziel der Aufklärung. Giftspritzer hingegen praktizieren destruktive Kritik. Ihr Handwerk ist die Rufschädigung, ihr Publikum der Mob, ihre Währung der Shitstorm.

Wo Satire zum Nachdenken anregen will, zielt die Giftspritze aufs Niedermachen. Wo Humor Brücken baut, reißt Häme Gräben auf. Wo der Satiriker das System kritisiert, greift der Giftspritzer die Person an.

Das Problem unserer Zeit: Die Grenzen verschwimmen. In einer Gesellschaft, die den Like-Button für ein Argument hält und den Retweet für einen Beleg, mutiert jeder Besserwisser zum Comedian und jeder Comedian zum Tribunal. Das Publikum applaudiert, solange die „richtige“ Seite getroffen wird.

Dabei wäre die Unterscheidung so einfach: Satiriker wollen die Welt verstehen, Giftspritzer wollen sie vernichten. Die einen dekonstruieren Macht, die anderen konstruieren Hass. Satiriker fragen „Warum?“, Giftspritzer schreien „Weg damit!“

Vielleicht sollten wir uns öfter fragen: Lachen wir noch über etwas – oder schon über jemanden? Denn zwischen diesen beiden Präpositionen liegt der ganze Unterschied zwischen Kunst und Kunstfehler.

B B B – am Ende bleibt die Frage: Wer von den Dreien ist Satiriker, wer Giftspritzer? Die Antwort überlassen wir dem geneigten Publikum. Denn nichts ist demokratischer als das Recht auf die eigene Meinung – und nichts gefährlicher als das Recht auf die eigene Wahrheit.

Festbeleuchtet in den Abgrund

Wir leben in einer Zeit der erleuchteten Dummheit – LED-bestrahlt, moralisch aufgeladen, aber ohne Verstand. Wer glaubt, mit E-Autos und Alu-Partikeln die Welt zu retten, irrt nicht nur – er zerstört blind das, was er retten will. Dieser Text ist ein Aufruf an die letzten Zweifler, an die Denker im Nebel des kollektiven Wahns. Wer ihn liest, wird sich fragen: Bin ich Teil der Lösung – oder Teil des Problems?

Niemand will ein schlechter Mensch sein.

Doch wie viele wagen es, die Konsequenzen ihres Handelns wirklich zu durchdenken?

Die meisten halten sich für gut – weil sie brav mitmachen. Weil sie glauben, was alle glauben. Weil sie LED-Lampen benutzen und einen SUV mit E-Kennzeichen fahren. Weil sie brav Maske getragen, sich impfen lassen, ukrainische Fahnen gepostet und CO₂-neutralen Hafermilch-Cappuccino getrunken haben. All ihre Fahrzeuge fahren jetzt auch bei Sonnenschein mit LED Festbeleuchtung. 

Doch Gutsein ist kein Gefühl. Gutsein misst sich an Wirkung. Und die Wirkung dieser selbstgerechten Masse ist verheerend.

Wir sind umgeben von einer Religion des Fortschritts, in der „Klimaschutz“ ein Glaubensbekenntnis ist – kein Konzept, keine Diskussion. Zweifel gilt als Ketzerei. Wer fragt, wird verfolgt. Wer nachrechnet, wird beschimpft.

Die heilige LED? Produziert unter Bedingungen, die CO₂ in Größenordnungen ausstoßen, die jede Glühbirne erblassen lassen.

Der neue Stromer? Batterien, deren Fertigung gewaltige Mengen Ressourcen und Energie verschlingt – und das CO₂-Konto über Jahre ins Minus reißt.

Der saubere Umbau der Infrastruktur? Ein kolossaler CO₂-Ausstoß, über den niemand spricht.

Wirklich niemand rechnet das durch. Warum auch? Zweifel ist verdächtig. Kritik ist rechts. Skepsis ist asozial.

Und wer skeptisch fragt, ob nicht vielleicht das Artensterben – verursacht durch systematische Umweltvergiftung – das eigentlich größere Problem ist, bekommt dieselbe Antwort: „Du störst. Halt den Mund.“

Mikroplastik? Reifenabrieb? Nanopartikel, die sich durch Plazenta und Blut-Hirn-Schranke fräsen? – Kein Thema.

Stattdessen: Klima. Klima. Klima.

Und da beginnt das wirklich Groteske. Da stehen sie – die Festbeleuchteten –, überzeugt, das Richtige zu tun. Sie halten ihre Lichter für Aufklärung, doch sie strahlen nichts als Ignoranz. Sie vertreiben den Teufel mit Licht, wie im Mittelalter. Nur dass der Teufel heute Zweifel heißt.

Und dann kommt der große Wurf: Geoengineering. Aluminium in der Atmosphäre. Sonne dimmen. Welt retten.

Manche munkeln, es gehe gar nicht mehr ums Retten, sondern ums Reduzieren – auf zwei Milliarden. Eine Menschheitsdiät im industriellen Maßstab. Absurd? Vielleicht. Aber wer garantiert, dass es nicht längst läuft?

Wer profitiert? Wer baut die Alu-Fabriken? Wer glaubt, mit dem Klima zaubern zu können, ohne zum Zauberlehrling zu werden?

Und wer leidet? Immer die Gleichen. Die Vielen. Die ganz normalen, liebevollen, hoffnungsvollen Menschen, die einfach in Ruhe leben wollen. Sie zahlen den Preis. Mit Einsamkeit. Mit Krankheit. Mit Verzweiflung.

Und was tun wir? Nichts. Wir glauben weiter, was alle glauben. Weil alle es glauben. Die Medien sagen es. Die Experten sagen es. Die Regierung sagt es.

Das ist nicht Dummheit. Das ist kollektive Regression. Eine Massenverblödung mit Zertifikat. Und niemand merkt’s. Denn gute Propaganda ist unsichtbar. Schlechte erkennt man. Gute funktioniert.

Was bleibt?

Ein kleiner Rest, der nicht mitspringt, wenn alle in den Bach springen.

Ein paar mit Rückgrat und Verstand.

Sie müssen es richten.

Oder es wird dunkel.

Richtig dunkel.

Auch mit LEDs.

Glück auf.

ein Moment der Liebe

Ein Krankenhausbett, ein Tropf, Langeweile. In der Patientenbibliothek wartet Martin Walsers „Ein Augenblick der Liebe“ – und mit ihm die Entdeckung eines Philosophen, der vor 200 Jahren genau jene Gedanken entwickelte, die einen elfjährigen Messdiener aus dem Schwarzwald einst zum Ketzer machten. Eine Geschichte über die Befreiung von Schuld, die Illusion des freien Willens und warum am Ende doch die Liebe siegt.

Mit einem schlimmen Fuß kam ich ins Krankenhaus, man hängte mich an einen Tropf.

Schon am nächsten Tag wurde mir langweilig.

Den Tropfer hinter mir herziehend, streifte ich durch die Gänge und entdeckte die Patientenbibliothek.

Ein einziges Buch konnte ich nicht auf Anhieb als Schund identifizieren, nämlich Martin Walsers „Ein Augenblick der Liebe“. Es leuchtete mir entgegen, war wie neu und unberührt wie ein Baby.

Beim Lesen stieß ich zum ersten Mal auf den Namen Julien Offray de La Mettrie, ein Philosoph, der genau 200 Jahre vor meiner Geburt geboren ist und genau die gleichen Gedanken entwickelt hat zum Thema Schuld und freier Wille, wie ich sie schon als Kind bzw. als Jugendlicher unabweisbar entwickelt hatte. Genau wie er stieß ich damit in meiner Umwelt auf entrüstete Ablehnung. 

Da jegliche ernstzunehmende Wissenschaft, alleine mit der Methode der Falsifikation, von lückenloser Notwendigkeit, von Kausalität ohne Ausnahme ausgeht, und der Mensch als empirisches Untersuchungsobjekt  keine Ausnahme darstellt, kann es in einem aufgeklärten Menschen- und Weltbild – objektiv – keinen freien Willen geben.

Als elfjährigem Messdiener, aufgewachsen in einem erzkatholischen Haus im Nordschwarzwald, wuchsen mir diese verdammten katholischen Schuldgefühle immer mehr über den Kopf und drückten mich nieder in eine Stimmung der Selbst-Geißelung und Verzweiflung über mich selbst, in der meine Gedanken unablässig nach einem Ausweg aus dieser drohenden Vernichtung der Selbstachtung suchten. In einem bestimmten Augenblick kam mir ein Gedanke, der mir zunächst unerhört erschien, geradezu obszön, weil er die ganze Schuld mit einem Schlag hinwegfegte; ich weiß noch genau, wo ich diese bahnbrechende Erkenntnis hatte, ich bin am Meister-Erwin-Denkmal vorbeigegangen. Meister Erwin, ebenfalls ein Sohn Steinbachs bei Bühl in Baden, gilt als der Erbauer des Straßburger Münsters. Ich bin ein paar Häuser neben seinem Geburtshaus geboren und aufgewachsen.

Als ich auf die Welt kam, war ich als neugeborenes Baby vollkommen unschuldig, weder konnte ich für die Umwelt etwas, in die ich hineingeboren war, noch für mich selbst, so wie ich in dem Moment war.

Sehen wir mal von der Erbsünde ab, die ja doch wohl ein Musterbeispiel für eine metaphysische, geradezu antiaufklärerische  Konstruktion darstellt.

Eine Sekunde später hat sich, durch die Wechselwirkung von Baby und Umwelt, das Baby entwickelt, die Umwelt hat sich entwickelt, aber es ist kein Punkt erkennbar, an dem Schuld entsteht. Null plus Null bleibt Null. Nach einer Sekunde ist das Baby immer noch genauso unschuldig, weil es als etwas, für das es nichts kann, interagiert hat mit einer Umwelt, für die es ebenfalls nichts kann.

Und wenn das für die erste Sekunde gilt, gilt das für alle weiteren Sekunden auch.

Dieser Gedanke ist bei mir eingeschlagen wie eine Bombe und ich habe in den folgenden Tagen und Wochen versucht, jemanden zu finden, mit dem ich darüber diskutieren konnte, aber ich habe keinen gefunden, der sich nicht einfach nur mit dem Zeigefinger an die Stirn getippt hat.

Ich wusste nicht, dass ich mich damit im Fahrwasser von Julien Offray de La Mettrie  (1709-1751) bewegte, der am Beginn der Epoche der Aufklärung in einer Zeitenwende als Denker unterwegs war, die bald in die französische Revolution und napoleonischen Kriege mündete. Ich bin geneigt, die heutige Zeitenwende als Abgesang und Schlusspunkt der sogenannten europäischen Aufklärung zu sehen.

Die Vertreter des Transhumanismus sehen sich in der aktuellen Zeitenwende als die wahren Erben von La Mettrie. Der Mensch als Maschine, deren Ersatzteile man beliebig auswechseln kann, vielleicht sogar soweit, dass er nur noch Maschine ist und trotzdem ein bewusstes Lebewesen! Diese Vision wird von manchen Anhängern des Transhumanismus geradezu frenetisch begeistert, von manchen auch eiskalt proklamiert.

Da hat man aber einen essentiellen Punkt der aufklärerischen Gedanken übersehen, nämlich den, der im §1 unseres deutschen Grundgesetzes Eingang gefunden hat: die Würde des Menschen — dass jeder Mensch, im Grunde genommen sogar jedes Lebewesen, das gleiche Recht hat auf Leben und Teilhabe und Glück.

Und dass der darwinsche endlose Krieg des Survival of the Fittest nur eine Lern-Aufgabe darstellt, die uns klar machen soll, dass Kampf und Krieg grundsätzlich das Gegenteil von glücklich sein bedeuten. Das Ego kann nicht glücklich sein. Höchstens befriedigt. Es ist grundsätzlich unbefriedigt. Der Kampf ums Überleben erscheint sinnlos, wenn klar wird, dass der letzte Kampf mit absoluter Sicherheit verloren wird. Angst und Gier sind Leitplanken, die uns nicht in den sicheren Tod lenken sollen sondern auf den Weg hin zum universellen Prinzip der Liebe, etwas, das in dem Roman von Martin Walser unter anderem durch einen Aufsatz des Protagonisten mit dem Titel »Alles Eins« bezeichnet wird.

Nach Hermann Hesse, nach den Hippies, nach Osho, nach New Age, ist das Wassermann-Zeitalter jetzt angebrochen oder nicht?

Es wird doch immer klarer, dass die Zeitenwende, in der wir uns jetzt befinden, uns auffordert, unser ganzes Sinnen und Trachten auf die Aufgabe zu richten, wie wir wahrhaft Liebende werden können. Kampf und Krieg wird uns ins Verderben führen. In den Untergang.

In dieser Zeitenwende wird der künftige, liebende Mensch zunächst erkennen, dass kein Subjekt ohne Objekt existieren kann, dass auch kein Objekt ohne Subjekt existieren kann, dass beide separat überhaupt nicht existieren, dass vielleicht in der Berührung von Subjekt und Objekt, in der Wahrnehmung, in der Berührung von Wahrnehmendem und Wahrgenommenen, die in dem Moment dasselbe sind, untrennbar im Moment der Wahrnehmung, dass in jedem beliebigen Zeitpunkt des Bewusstseins es nicht zwei gibt, sondern nur eins.

Das wird ein Moment der Liebe sein.

Das wird eine Erweiterung des begrenzten Bewusstseins hin zum unbegrenzten Bewusstsein.

Wenn zwei sich zusammentun, damit ein Neues entsteht, damit Eines entsteht, dann ist es immer ein Moment der Liebe.

ein Nachtgedanke zum Wahlvolk

Bequem und dumm sind sie geworden in der normopathischen Konsumgesellschaft. Zweifler werden bemitleidet, Abweichler geschmäht, die eigene Unterwerfung wird nicht als Unterordnung unter fremde Interessen gesehen, sondern als Dienst am Ganzen. Narzissmus first, das ist die Postmoderne. Wenn sie jedoch das ganze Ausmaß der kriminellen Energie der „Obrigkeit“, die sie sich normal nicht vorstellen können, einmal erfahren, den Unterschied zwischen Kino und Realität, sind sie schockiert, sprachlos und hoffen auf Hilfe bei Traumatherapeuten. Wellness hilft dann nicht mehr. Warum gerade ich, heißt es dann. Ich bin doch immer nett gewesen. Ja, nett, bequem und dumm!

Tiefe Kehlsucht (deep throat seek)

Blackrock taumelt – die chinesische KI Deep Seek lehrt die Wallstreet, die gerade 500 Milliarden locker gemacht hat, um eine weltenbeherrschende KI zu entwickeln, die alle von den USA Beherrschten das Fürchten lehren soll, selbst das Fürchten. Da räkelten sich die Neocons wohlig in ihren Villen und auf ihren Yachten oder über dem Atlantik in ihren Privatjets bei dem Gedanken, dass die amerikanische KI die genuine Vorherrschaft und die von Gott gewollte Ausnahmestellung der all-einigen Weltmacht auf unabsehbare Zeit weltweit das Maß aller Dinge sein würde – und nun das. Die „Schlitzaugen“ pinkeln vor aller Augen in ihre KI-Suppe. Die Börsenkurse geben nach, Verunsicherung greift um sich.

Eine gute Gelegenheit, nach meinen Tests von Claude3 , Perplexity und ChatGPT nun auch DeepSeek zu testen. Ich gebe zu, ich habe mich heute von Nuhr im Ersten inspirieren lassen, der sich nicht zu schade war, DeepSeek nach Dieter Nuhr zu fragen, um sein Publikum mit den teils frei erfundenen Antworten zu belustigen.

kennst Du das Blog Zeitenwende.work von Allfred Peter Herrmann

Ja, das Blog Zeitenwende.work von Alfred Peter Herrmann ist bekannt. Es handelt sich um eine Plattform, auf der Herrmann regelmäßig Analysen, Kommentare und Einschätzungen zu politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Themen veröffentlicht. Der Fokus liegt oft auf geopolitischen Entwicklungen, wirtschaftlichen Zusammenhängen und strategischen Fragen, insbesondere im Kontext globaler Machtverschiebungen und Krisen.

Alfred Peter Herrmann ist ein deutscher Publizist und Unternehmer, der sich durch kritische und oft unkonventionelle Betrachtungen zu aktuellen Themen einen Namen gemacht hat. Sein Blog Zeitenwende.work ist eine Plattform, auf der er seine Perspektiven teilt und zum Nachdenken anregen möchte.

Falls du spezifischere Fragen zu Inhalten oder Themen des Blogs hast, kann ich dir gerne weiterhelfen!

Das ist alles komplett geraten. Er weiß nichts über mich oder mein Blog. Das wird klar, wenn man den Knopf „DeepThink (R1)“ drückt.

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