Wer davon ausgeht, dass der andere schießen wird, muss zuerst schießen. So lautet die Logik der Barbarei — und sie ist, wie die klinische Paranoia, eine selbsterfüllende Prophezeiung. Ein Essay über den Unterschied zwischen Zivilisation und organisierter Barbarei, über den Ursprung des Rechtsstaates und darüber, warum die Erosion des Völkerrechts kein Zufall ist.
Ich schaue sehr gerne die Interviews von Glenn Diesen — weil er Menschen interviewt, die wirklich etwas von dem verstehen, worüber sie sprechen. Zum Beispiel Chas Freeman, ehemaliger stellvertretender Verteidigungsminister der USA, oder Alastair Crooke, ehemaliger britischer Diplomat. Es sind Leute im Ruhestand, die sich ihr ganzes Leben mit Geopolitik befasst haben und sich auch jetzt noch informieren — sie bleiben Teil der Netzwerke und wissen sehr gut Bescheid, was im Hintergrund läuft. Man braucht diese verschiedenen Sichten aus den verschiedenen Funktionen, die in der Weltpolitik Einfluss ausüben, um sich ein einigermaßen belastbares Bild zu machen.
Dennoch muss ich eines an diesen Interviews kritisieren: So sehr der Friedenswille beschworen wird — die gesamte Betrachtungsweise gründet auf der stillschweigenden Annahme, dass Krieg der Normalzustand der Menschen sei und Frieden die Ausnahme. Der Worst Case — Gewalt, Drohung, Gegenschlag — wird mit analytischer Akribie durchgespielt, während der Best Case, nämlich dass Menschen und Staaten tatsächlich lernfähig sind und aus der Eskalationsspirale aussteigen können, kaum der Erwähnung wert scheint. Als wäre Frieden nicht nur unwahrscheinlich, sondern im Grunde uninteressant. Bei allen Argumenten geht man davon aus, dass der Mensch bedenkenlos zu Mitteln der Gewalt greift, sobald seine vitalen Interessen auf dem Spiel stehen.
Mit dieser Sichtweise sind wir in der Barbarei. Punkt.
In der Barbarei gilt das Recht des Stärkeren. Bestenfalls noch „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ — ein immerhin kluger Satz, weil er die starke Tendenz zur Eskalation zu bremsen versucht. Aber auch diese Logik setzt voraus: Sobald ich dich in eine Lage bringen kann, in der nur ich schießen kann und du nicht, kann ich dich zu jeder beliebigen Handlung zwingen. Man geht eben davon aus, dass für jedes Lebewesen der Erhalt seines Lebens den höchsten Wert darstellt. Die Androhung von Mord und der Mord selbst gelten so als normale Mittel des Interessenausgleichs. Wir sind in der Weltpolitik schon immer in einer solchen Form unterwegs gewesen — oder zumindest seit wir so denken.
Das ist eine selbsterfüllende Prophezeiung — und als solche ist diese Barbarei verwandt mit der klinischen Paranoia: Krankhaftes Misstrauen führt zu Handlungen, die Reaktionen provozieren, die wiederum das Misstrauen gerechtfertigt erscheinen lassen. Der Ausgangspunkt ist Angst, das Ergebnis ist die Bestätigung der Angst — und der nächste Schritt ist zwangsläufig mehr Gewalt. Wer in dieser Denkweise gefangen ist, kann gar nicht anders, als sie zu bestätigen. So wie der Duellant im amerikanischen Western, der zuerst schießen muss, weil er davon ausgeht, dass der andere zuerst schießen wird — und damit exakt das erzwingt, was er befürchtet hat.
Die Barbarei hält sich also nicht trotz ihrer Irrationalität am Leben, sondern wegen ihr: Sie produziert unaufhörlich die Beweise für ihre eigene Notwendigkeit.
Zivilisation bedeutet, diesen fatalen Mechanismus zu erkennen — und, zunächst bei sich selbst, damit aufzuhören. Rein rational betrachtet ist diese Barbarei für alle Beteiligten eine Katastrophe. Auch der Mafiaboss, der alle Konkurrenten ausgeschaltet hat, kann am Ende nicht glücklich sein. Zufrieden vielleicht — aber Glück ist etwas anderes. Der Sinn des Lebens besteht mindestens darin, glücklich zu werden. Und mörderische Gewalt unterstützt dieses Ziel in keinster Weise.
Die Zivilisation begann, als zwei Bauern in einem Grenzstreit nicht den Nachbarn umgebracht haben, um das ganze Land an sich zu reißen — sondern sich auf einen unparteiischen Schiedsrichter geeinigt und sich verpflichtet haben, dessen Urteil anzuerkennen. Das ist der Ursprung des Rechtsstaates. Und es ist das Programm der gesamten zivilisatorischen Geschichte: dieses Prinzip von der Nachbarschaftsgrenze auf die Weltebene auszuweiten. Der bisher ambitionierteste Versuch war die UNO und das Völkerrecht.
Heute schert sich keine Konfliktpartei mehr um dieses Völkerrecht. Deutschland hat 1999 maßgeblich daran mitgewirkt, als es sich an vorderster Stelle an dem Angriffskrieg auf Serbien beteiligte — ohne ein UN-Mandat für nötig zu halten. Elf Wochen Bombardement. Diese Erosion des Völkerrechts haben wir in erster Linie der amerikanischen Wildwest-Mentalität zu verdanken, die grundsätzlich davon ausgeht: Macht kommt aus dem Gewehrlauf, wenn sie nicht aus dem Geldbeutel kommt.
Man dachte einmal — nach Hiroshima, nach dem Ende des Kalten Krieges —, die Atombombe und die Pax Americana würden das Ende der Geschichte einläuten, das Ende der großen Kriege. Das Gegenteil ist eingetreten. Der Grund: Die verantwortlichen Politiker waren nicht in der Lage, sich darauf zu verständigen, dass das Rechtssystem der UNO den höchsten Wert darstellt, den es zu verteidigen gilt. Denn wer das Völkerrecht situativ instrumentalisiert — mal als Legitimationsressource, mal als lästiges Hindernis —, zerstört genau den Mechanismus, der Konflikteskalation begrenzen könnte.
Eskalation folgt ihrer eigenen Schwerkraft: Ist erst einmal Gewalt angewendet worden, wird die Rückkehr zu friedlicheren Zuständen mit jeder weiteren Stufe schwieriger. Siehe Friedrich Glasl, Konflikteskalation. Kriege enden daher so oft erst dann, wenn es schlicht niemanden mehr gibt, der bereit oder in der Lage ist, weiterzukämpfen.
Das ist keine Realpolitik. Das ist Wahnsinn. Das ist organisierte Barbarei — und genau die selbsterfüllende Prophezeiung, die wir durchschauen müssen, wenn wir sie je überwinden wollen.
