Einsamkeit quält nicht, weil wir allein sind, sondern weil wir nicht gesehen werden. Die meisten Beziehungen sind Deals – Geben und Nehmen, Maske gegen Maske. Wer das durchschaut, kann weiterspielen oder den Weg nach innen gehen. Doch auch die unfreiwillig Einsamen – krank, alt, arm – finden dort das Einzige, was bleibt: den Punkt, wo der Atem aufsteigt. Ein Essay über die Flucht in die Herde und die Freiheit in der Stille.
Der Kern der Einsamkeit
Einsamkeit kann sehr, sehr schmerzhaft sein, während Alleinsein sehr, sehr angenehm sein kann. Einsamkeit bezieht sich auf andere – Sartre: „Die Hölle, das sind die Anderen“ –, im Alleinsein beziehe ich mich auf mich selbst. Aber wer bin ich, wer wäre ich, ohne die Anderen?
Zurückweisung erzwingt eine schmerzhafte Interpretation: Entweder sind die anderen unfähig, meinen Wert zu erkennen, oder ich bin es nicht wert, gesehen zu werden. Beide Deutungen tangieren das Selbstwertgefühl.
Oder ich weise selbst zurück, weil ich mir vom Anderen nichts erwarte, was mich irgendwie weiterbringt. Es handelt sich wahrscheinlich um Langeweile, um Aggression oder moralisches Urteilen. Auf jeden Fall verweigert man das Gespräch. Und der Andere könnte das auf sich beziehen, das tangiert dann sein Selbstwertgefühl – es sei denn, er kann mich als Kontaktunwilligen in eine entfernte Ecke stellen.
Dieses ganze Thema ist natürlich an Weihnachten und Silvester hochspannend. In unserer individualisierten Gesellschaft, die traditionell auf familiären Bindungen beruht, stellen diejenigen, die komfortable Single-Existenzen ausleben, selbst die Kriterien auf, nach denen sie Beziehungen und Abhängigkeiten eingehen.
Das ist naheliegend. Und wenn es keinerlei Druck und keinen Zwang gibt, wie zum Beispiel am Arbeitsplatz oder in öffentlichen Verkehrsmitteln, dann wird Alleinsein praktisch mit Komfort gleichgesetzt. Man bildet sich ein, das Selbstwertgefühl steigt dadurch, dass man hohe Hürden für andere aufstellt, eine Art Beurteilungsmacht ausübt – was ebenfalls zu Einsamkeit führt.
Aber wenn wir mal zum Kern vordringen wollen: Es ist dieses Gefühl des Ungeliebtseins und etwas weiter weg das Gefühl der mangelnden Wertschätzung, dass niemand für mich ein Opfer, z. B. Weihnachtsgeschenke, bringen möchte und mir so meinen Wert bestätigt.
Es geht also bei der Einsamkeit hauptsächlich um Selbstwert. Den heben wir am Heiligabend mit gegenseitigen Opfergaben. Deshalb ist auch die Einsamkeit am Heiligabend besonders schlimm. Wenn es schon einen Tag im Jahr gibt, an dem gegenseitigen Opfergaben zur Bestätigung der Wertschätzung Pflicht sind, muss derjenige, der dann draußen vor der Türe bleibt, ein besonders verlorenes Schaf sein.
Selbstwert und die Entwicklung der Persönlichkeit
Der Einsame zweifelt an seinem Wert – dazu hat er wirklich Grund, denn unsere ganze Persönlichkeit entwickelt sich im Kontakt und in Kommunikation mit anderen, und jeder soziale Kommunikationsakt ist mit Bewertungen verbunden.
Der Einsame muss es leisten, sich vorzustellen, dass er nicht deshalb einsam ist, weil er nicht gemocht wird, weil er ein Kotzbrocken ist, weil er die anderen nervt oder sonst irgendwie lästig ist, nein, er muss das künstlich fertigbringen, einen Wert aus sich selber hervorzuzaubern, wenn er wirklich davon unabhängig sein will – und ich kenne eigentlich so gut wie niemanden, der das schafft.
Aber auch wenn ich wirklich ein wertvoller Mensch geworden bin, indem ich vielen Menschen wirklich Gutes tun konnte und sie sich bei mir bedanken, können trotzdem starke Einsamkeitsgefühle auftreten. Denn wie gesagt hängt es nicht davon ab, ob ich tatsächlich physisch einsam bin oder nicht, sondern davon, ob ich mich geliebt, verstanden oder wenigstens wertgeschätzt fühle.
Der Mensch als soziales Wesen
Dass Einsamkeit so quält, liegt nicht an einer Laune der Natur. Der Mensch ist ein Herdentier, ob er will oder nicht. Unsere Vorfahren, die sich von der Gruppe abspalteten, sind schlicht verhungert oder wurden gefressen – die Evolution hat uns auf Zugehörigkeit programmiert. Ein Säugling ohne Berührung stirbt, auch wenn man ihn füttert. Das Gehirn eines Kindes entwickelt sich nur im Dialog, im Gesehen-Werden. Wir sind buchstäblich auf den Anderen angewiesen, um überhaupt ein Selbst zu werden. Das ist das Paradox: Ich brauche die anderen, um „Ich” sagen zu können. Mein Selbstwertgefühl entsteht im Spiegel der Blicke, die auf mich fallen. Wenn niemand mehr hinschaut, löse ich mich auf. Deshalb tut Einsamkeit so weh – sie bedroht nicht nur mein Wohlbefinden, sondern meine Existenz als Person. Der einsame Mensch spürt: Ich werde nicht, wenn mich niemand sieht. Und trotzdem – oder gerade deshalb – entwickeln wir diese merkwürdige Ambivalenz. Einerseits die Sehnsucht nach Verbindung, andererseits die Angst vor der Abhängigkeit. Wir wollen gesehen werden, aber nicht durchschaut. Wir brauchen die Bestätigung, verachten aber die Bedürftigkeit in uns selbst. Aus diesem Widerspruch entstehen dann all die Deals, die Maskeraden, die Lügen – auch die Lügen vor uns selbst.
Der Deal-Charakter der Beziehungen
Und solange die Beziehungen mit den Partnern in meiner Bezugsgruppe oder auch sogar mit meiner Frau / Mann und meinen besten Freunden auf so einer Art Geschäft beruhen, einem Gleichgewicht des Gebens und Nehmens, einem Deal – solange bin ich in diesen Abhängigkeiten gefangen.
Jeder weiß das, auch ich weiß, dass ich den anderen bestrafen kann, indem ich mich zurückziehe. Ich verführe, verlocke und drohe, lasse mich verführen und verlocken, vermeide angedrohte Konsequenzen, alles, um das Abhängigkeitsnetz der Beziehungen am Laufen zu halten.
Irgendwann kommt der Moment, an dem ich das durchschaue. Ich bediene alle Deals, man bedankt sich bei mir – und trotzdem erleide ich massive Einsamkeit. Das kann dann eigentlich nur daran liegen, dass ich als der, der ich wirklich bin – oder zu sein glaube – in der Tiefe, nicht gesehen werde von meinen Freunden und auch nicht von meinen Feinden, von niemandem. Niemand kennt mich wirklich, und ich mich selbst folglich auch nicht – ich spiele ein Rolle, durch die ich mich selbst überzeugen möchte, indem ich die Anderen glauben mache, das sei ich.
Die notorischen Lügner und die Hochbegabten
Deswegen müssten die notorischen Lügner alle sehr einsam sein. Sie spielen den anderen etwas vor, an das sie glauben, damit und wenn die anderen es glauben. Ich habe gehört, der gute Lügner kennt die Wahrheit. Das mag sein, was die Gegenstände seiner Täuschungsstrategie angeht. Aber nicht die Wahrheit über sich selbst. Denn offensichtlich ist ihm entgangen, dass Lügen das Selbstwertgefühl schädigt. Der erfolgreiche Lügner wird nicht umhin können, sich selbst mitunter als schlechten Menschen zu sehen – auch Zynismus schützt dann nur begrenzt vor Einsamkeitsanfällen. Er rationalisiert dann einen von ihm nicht durchbrechbaren und nicht zu verantwortenden Teufelskreis, in den er durch äußere Mächte geworfen wurde, um wenigstens Schuldgefühlen zu entgehen. Denn auch diese nagen krass am Selbstwertgefühl.
Dann gibt es die Begabten, die Hochbegabten, die Analytiker. Diese Rechthaber braucht man als Dienstleister, um die Qualität der Erledigung anstehender Aufgaben zu steigern. Jemand, der wirklich messerscharf analysieren kann, egal um was es sich handelt, wird jedoch privat gerne gemieden – zumindest solange man nicht sicher sein kann, dass er die Leichen im Keller und die Elefanten in den Räumen nicht benennt.
Der einsame Analytiker, wenn er erkennt, dass diese Deals, diese Schmeicheleien, diese Diplomatie an seiner fundamentalen Einsamkeit gar nichts ändert – gerade der hat irgendwann, weil der Frust ja riesig ist, einen Moment, wo die Aggression mit ihm durchgeht – er sagt dem Anderen alles auf den Kopf zu. Das ist dann oft das Ende der Beziehung, weil dann eine gegenseitige Schuldzuweisung, eine Schuldorgie beginnt, die eigentlich alles Positive, was in dieser Beziehung jemals zu sehen war, zerstört.
Das heißt, wenn der Analytiker in diesen schonungslosen Zustand gerät, neigt er zur Verzweiflungstat. Dabei ist ihm klar, dass seine Einsamkeit durch solchen Dammbruch, nämlich den Zusammenbruch jeglicher Deal-Diplomatie, nur noch befördert wird.
Das trifft in der Regel nur auf Menschen zu, bei denen im Leben wirklich etwas schiefgegangen ist, meistens schon in der Kindheit. Die also eine Schädigung ihres Selbstwertgefühls erleiden mussten, dadurch zu Anpassungen gezwungen waren, die man ihnen vorgegeben hat. Die früh gelernt haben: Es geht nicht darum, dass die anderen mich so sehen, wie ich wirklich bin, sondern sie benutzen mich als einen Zweck. Ich soll so sein, dass ihre Zwecke erfüllt werden – und das ist wiederum der Deal-Charakter der Freundschaften.
Deswegen hat mal jemand gesagt: Freundschaft ist kein Deal. Punkt.
Die Einsamkeit des großen Geistes
Wenn der Hochbegabte, der Hochsensible, das Genie an Einsamkeit leidet, müsste ja auch Goethe einsam gewesen sein oder Beethoven oder Dostojewski. Ich glaube schon.
Die Anpassung an die einfachen sozialen Bedürfnisse ihrer Umgebung kann dem großen Geist nicht genügen. Er kann seine Einsamkeit so nicht vertreiben.
Deshalb muss er einen Weg finden, seine Einsamkeit ins Positive zu wenden. Und der Weg ist normalerweise die Produktivität. Er muss es produktiv machen, künstlerisch muss er es verarbeiten. Und wenn er sowieso schon aus irgendwelchen Gründen einsam geworden ist, hat er aus Mangel an zeitaufwendig zu pflegenden Beziehungen die Zeit, sich einem Werk zu widmen.
Der produktive Weg
Wenn die Idee für ein Werk aufblitzt – der Kuss der Muse –, ist die Einsamkeit so gut wie verflogen. Denn er kann davon ausgehen, dass es in der unendlichen Weite der geistigen Regungen jemanden geben muss, der seinen Ausdruck versteht.
Demnach wären viele Kunstwerke im Grunde Hilfeschreie von Einsamen, die sich als Kanal, als Boten verstehen für Botschaften, die Jemand verstehen wird. Dazu hat der einsame Künstler auch jeden Grund, denn wir alle sind in sehr ähnlichen Kulturen aufgewachsen, und niemand kann etwas hervorbringen, das in allen Aspekten völlig unverständlich ist. Das ist fast unmöglich.
Außerdem kann er als Autor jegliche Elefanten im Raum, die Leichen im Keller, spielerisch abrufen, aufrufen und dann damit auch noch einen Bezug zum Leser herstellen. Er möchte dem Leser die biedere Maske herunterreißen, hinter der, in einem Verlies, all die verdrängten Dämonen lauern, die das Handeln und das Selbstbild des Lesers in seinen Beziehungen stärker bestimmen, als ihm bewusst ist. Das könnte ein Gutes Werk sein, einerseits weil toxische Beziehungen von den unerkannten und unbenannten Dämonen herrühren und andererseits diese Art der „entlarvenden“ Kunst einen therapeutischen Effekt hat, weil sie die Möglichkeit der Authentizität eröffnet.
Der einsame Autor schreibt an die, die sich genau wie er ihrer lügnerischen Masken entledigen wollen. Dabei muss er geschickt vorgehen, um den Leser nicht zu verärgern. Kann man eine Haltung, die sich aus über Jahre gepflegten Lebenslügen entwickelt hat, ohne Verärgerung aus destruktivem Fahrwasser in ruhigere, aufbauende Bahnen lenken? Realistischerweise wird es nicht ohne double bind abgehen. Erst muss die Ausweglosigkeit nochmal gefühlt werden, bevor der Königsweg der Authentizität beschritten werden kann.
Solange allerdings alle vom Selbstwertgefühl getriggerten Deals geschmeidig funktionieren, will sagen, dass die gespielten Rollen mit ihren Masken ihren Zweck scheinbar erfüllen, solange entgegengebrachte Wertschätzung wie weiße Salbe auf den inneren, verleugneten, das heißt nicht gesehenen Kern der Persönlichkeit aufgetragen werden kann, wird sich am falschen Leben (Joachim Maaz) nichts ändern.
Das Herdentier und das schwarze Schaf
Diese falsch lebenden Menschen fühlen sich gerade so selten einsam, dass sie den Schmerz der Einsamkeit nicht vergessen, andernfalls würden sie noch ihr Mitläufertum in Frage stellen. Die Angst vor der Einsamkeit hält sie in der Herde. Ihr Moralsystem – wer ist schlecht, wer ist gut, wen darf ich verachten, wen muss ich hochschätzen – ist das Hauptthema der Gruppenkommunikation. Man schwimmt als Herdentier in der Herde. Und natürlich ist das Herdentier nicht einsam. Es plappert in einem fort, um Verbündete zu gewinnen. Nur wenn es aus irgendeinem Grund von der Herde entfernt wird, leidet es Höllenqualen und will unbedingt zur Herde wieder zurück.
Der Schriftsteller, Künstler, der Philosoph, ein Mensch, dem es um Selbsterkenntnis geht, der die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt – fühlt sich schmerzlich einsam, wenn er in einer dumpfen Herde mitläuft. Er empfindet sich als schwarzes Schaf und nimmt sofort, wenn er kann, Kontakt mit den anderen schwarzen Schafen auf. Was aber noch lang nicht heißt, dass er nun wie ein Fisch im „schwarzen“ Wasser schwimmt. Wer seine eigenen Wahrheitswerte hoch entwickelt hat, findet kaum jemanden, der ihn versteht. Dostojewski mit seiner Spielsucht hätte wahrscheinlich andere Hochbegabte schwer genervt. Man könnte sagen, die Explosionen eines höheren Feuerwerks liegen weiter auseinander. Also jemand, der sich sehr stark ausdifferenziert hat in seiner kreativen Einsamkeitsentwicklung, hat wahrscheinlich Probleme, einen Kollegen zu ertragen, der sich ebenfalls, in eine andere Richtung, ausdifferenziert hat in seiner Einsamkeitsentwicklung.
Es gibt da ganz verschiedene Muster: zum Beispiel ist einer sadomasochistisch veranlagt und der andere ist Spielernatur. Das führt zwar schon dazu, dass man sich gegenseitig akzeptieren kann als Outlaw, aber in der direkten Begegnung, wo es darum geht, seine Einsamkeit zu vertreiben, ist es sehr wahrscheinlich, dass man diesen anderen, weit entfernten Geist in seiner Andersartigkeit nicht wirklich an sich herankommen lassen möchte.
Denn die Einsamen sind in ihrer gesamten seelischen Struktur immer bemüht, nicht zu sehr aus einem Gleichgewichtsraster zu fallen. Sagen wir es mal so: Sie sind psychisch sowieso nicht so belastbar wegen ihrer frühen Traumatisierungen und können sich deswegen auch vieles nicht erlauben an intensivem Kontakt mit jemandem, der ziemlich abseitige – also aus ihrer Sicht abseitige – Bedürfnisstrukturen entwickelt hat.
Es gibt interessante Gespräche, aber um die Einsamkeit des großen Geistes zu vertreiben, reicht das nicht. Es reicht eigentlich grundsätzlich nicht. Denn auch hier haben wir wieder einen Deal.
Die ausgestoßenen Einsamen
Nun habe ich bisher nur über die gesprochen, die in irgendeiner Weise noch wählen können – die sich zurückziehen, die Deals durchschauen, die ihre Masken tragen oder ablegen. Aber was ist mit denen, die keine Wahl haben? Da ist die alte Frau, deren Mann gestorben ist, die die Treppen nicht mehr runterkommt. Der Mann mit der Depression, der das Bett nicht verlassen kann. Der Obdachlose, der stinkt und den die Herde nicht mehr aufnimmt. Die Frau im Rollstuhl vor den Stufen, die niemand für sie gebaut hat. Sie leiden nicht daran, dass sie die Deals durchschaut haben. Sie leiden daran, dass sie nicht mitspielen dürfen. Die Tür ist zu. Von außen verriegelt – durch Krankheit, Armut, Alter, Behinderung. Ja, die Gesellschaft müsste sich ändern. Rampen statt Stufen, Hilfe statt Wegsehen. Aber selbst wenn die Herde sich umdreht – was bleibt, wenn der Körper sich auflöst, wenn die Krankheit fortschreitet, wenn der Tod näherkommt? Auch die beste Therapie, die wärmste Gemeinschaft kann den einsamen Tod nicht verhindern. Jeder stirbt allein. Und gerade hier, wo die äußeren Bedingungen nicht zu ändern sind, wo keine Rampe mehr hilft, kein Anruf, keine Medizin – gerade da wird der Weg nach innen nicht überflüssig, sondern existenziell. Auf dem Sterbebett hilft auch nicht der beste Deal. Dann brauche ich den Kontakt zu meinem Innersten, zum Punkt, wo der Atem aufsteigt. Nicht als Trost, nicht als Flucht – sondern als das Einzige, was trägt, wenn alles andere wegbricht. Die unfreiwillig Einsamen brauchen beides: die Rampe und den inneren Weg. Aber am Ende, im Angesicht des Todes, bleibt nur der Weg nach innen. Und der steht jedem offen, auch dem, der nicht gehen kann.
Wenn Freundschaft kein Deal ist
Was bedeutet das eigentlich: Freundschaft ist kein Deal?
Meiner Ansicht nach bedeutet es, dass man einen Kontakt zum eigenen Innersten gefunden hat, zum Guten, Wahren und Schönen. Wahre Freundschaft sieht den Freund nicht als Ressource, als Verbündeten, als Kamerad, als Notnagel, der auch dann loyal und treu zu mir steht, wenn ich auf dem letzten Loch blase – das wäre wieder die materielle Deal-Ebene –, wahre Freundschaft bedeutet, im Innersten des Freundes mein eigenes Innerstes zu erkennen. Das ist eine andere, höhere Ebene, die nicht mehr vom blinden, unbedingten Willen zum Überleben angetrieben wird, sondern vom Willen zur Freiheit des Geistes, somit getragen von höchstem Respekt für die geistige Freiheit des Gegenübers. Der Freund ist eine andere Ausgabe, eine andere Version meiner selbst, besonders wertvoll gerade durch die Unterschiede, die im Gegensatz zur Deal-Freundschaft keine Gefahr darstellen, sondern notwendig sind für die Fruchtbarkeit der Auseinandersetzung, der Dialoge, der Korrekturen. Welche Lust, mit einem Wahren Freund zu parlieren!
Aus dem eigenen Innersten kommt die Kraft, die einem Halt gibt, der unabhängig ist von der Beurteilung anderer. Dann können Menschen, die sich selbst kennen, die sich selbst erkannt haben, die die Notwendigkeit und den Sinn sowohl ihrer guten als auch schlechten Eigenschaften erkannt haben, sich darüber erheben, den „Deal“ hinter sich lassen und so der universellen Liebe den Raum geben, den sie zur Entfaltung braucht.
Wenn so einer ein guter Mensch wird und versteht, warum er ein guter Mensch sein sollte, diese Erkenntnis dann umsetzt, praktiziert und pflegt, schließlich wirklich ein guter Mensch wird – dann ist zwar nicht ganz Schluss mit der Einsamkeit, denn die Bedürfnisebene, die sogenannte tierische Ebene, bekommt er nicht ganz in den Griff. Aber sie wird gesehen als Aufgabe, die einem guten Menschen zuwächst und durch die er normalerweise nicht über- oder unterfordert, sondern adäquat gefordert wird.
Wenn dann Freundschaft kein Deal ist, dann bist du erstmal mit dir selbst befreundet und dann mit anderen. Du erkennst, dass wir alle das gleiche Schicksal teilen: Krankheit, Alter und Tod. Du siehst das Verbindende im Trennenden. Es ist Ansichtssache! Es ist Freiheit!
Und dann begibst du dich auf einen Weg, der glücklich macht. Es ist der einzige Weg, der glücklich macht, der nachhaltig glücklich macht. Du erkennst, dass der Kampf um Liebe keine Liebe bringt, sondern Hass. Und dass die Liebe, die nicht anfällig ist, in Hass umzuschlagen, aus deinem eigenen Innersten aufsteigen wird.
Der Weg nach innen
Also: Setz dich hin und achte auf deinen Atem. Der Atem ist die Verbindung zur Unendlichkeit. Der Punkt, wo er aufsteigt, liegt tief in unserem Inneren. Man findet ihn nicht gleich. Es ist ein langer Weg.
Das macht Sinn, das macht universellen Sinn – im Gegensatz zum Deal, der nur einen ganz kleinen, begrenzten Sinn hat und der bestenfalls ein Gleichgewicht der Bedürfnisbefriedigungen erzielen kann. Aber nie ganz perfekt.
Letztendlich, wenn man die menschliche Gesellschaft, die Struktur der Kommunikation grundsätzlich als Deal ansieht, so wie Trump das tut und auch viele Wirtschaftsprofessoren und Wirtschaftspsychologen das tun – dann ist das Leben ein Nullsummenspiel. Denn für jeden Gewinner gibt es auch einen Verlierer. Bei jedem Schuldner gibt es einen Gläubiger. Für jeden, den man leben lässt, wird auch einer totgeschlagen.
Das macht keinen Sinn. Das macht nicht wirklich Sinn.
Also nochmal: Setz dich hin und suche deinen innersten Punkt, wo der Atem aufsteigt.

