Allfred Peter Herrmann

Falls diese Reiseblog einer Indienreise kein Ziel verfolgt, enthält es auch keine Fehler, die korrigiert werden müssten.

Leseprobe

Gefragt, was ich mit mir in der Rente anzufangen gedenke, antwortete ich, ich wolle schreiben. Jetzt sind fast zwei Jahre vergangen, und ich schreibe so gut wie nicht. Ich sitze nachts im Schwarzwald vor der Bibliothek meines Vaters – Solschenizyn, Bosses Warlord, „So weit die Füße tragen“ – und frage mich, ob es am Ende überhaupt eine Rolle spielt, ob einer geschrieben hat oder nicht. Der Wandel der Zeit geht über alles hinweg. Jeder kämpft nach seinem Vermögen. Sogar der Terrorist. Sogar Hitler. Am Ende seines Lebens, glaube ich, kann jeder mit einem gewissen Recht sagen: Ich habe immer versucht, das Richtige zu tun.

Von da an ist der Text geritzt, und die Reise beginnt dort, wo ich sie am wenigsten erwartet hätte: im Hupkonzert von Bangalore, wo ein Fahrer mir in Sekundenschnelle erklärt, wo überall seine Familie wohnt, wo überall er Eigentum hat – ein glückliches, erfolgreiches Glied in einer endlosen Kette, während ich noch versuche, die Spielregeln des Verkehrs zu verstehen, die keine sind. Und doch, mitten im scheinbaren Chaos, ein majestätisches Konzert: Jede Abweichung wird sofort korrigiert im Sinne des Ganzen, als hätte der Verkehr selbst einen Taktstock, den nur ich nicht sehe.

Ein paar Kapitel später: ein tibetisches Kloster, Weihnachten unterm blauen Himmel des Himalaya, deutsche Weihnachtslieder im Khangtsen unseres Gastgebers, während drinnen der Dalai Lama zu Zehntausenden von Mönchen und Nonnen lehrt und wir draußen über UKW eine Simultanübersetzung hören – Französisch, Spanisch, Russisch, ein Turmbau zu Babel der Ergriffenheit. Ein wadenhoher Altar, kein Tisch, kein Stuhl, geduscht wird kalt. Die Frage, was Schlichtheit eigentlich bedeutet, wenn man sie sich nur leisten kann, weil man jederzeit wieder gehen darf.

Dann Varanasi, nachts um zwei, eine Meute Rikschafahrer stürzt sich auf mich am Bahnsteig, ich flüchte in die Bahnhofsvorhalle und lege mich zu den Schlafenden. Die Stadt, in der geboren, gestorben, gekackt und gezeugt wird, ohne Ansehen der Person – Menschen, Tiere und Straßendreck zu einer einzigen haarsträubenden Masse verschmolzen. Und mittendrin die alte, nie ganz gelöste Frage: ob der Ganges bei Sonnenaufgang ein Wunder ist oder einfach nur das, was er ist. It’s the same, stupid. Same, same.

In Puttaparthi treffe ich auf Sathya Sai Baba und die Legenden von der silbrigen Asche, die er angeblich aus dem Nichts materialisiert. Ich bin skeptisch, wie ich es fast immer bin, wenn das Wunderbare sich allzu bereitwillig ausstellt. In Bodhgaya, unter der Mahabodhi-Stupa, wo Buddha die Erleuchtung fand, stelle ich mir vor, was ein Reparaturversuch am eigenen Ego eigentlich kosten würde – und ob der überhaupt gelingen kann, oder ob, wie bei einem undichten Wasserrohr, jede Korrektur am Ende doch misslingt.

Am Schluss, auf der Rückfahrt durchs Rheintal, sitze ich einer jungen Frau gegenüber, die einen Groschenroman liest, Desire, blutrot beschriftet. Unsere Blicke treffen sich, ein paar Hundertstelsekunden zu lang, dann wieder, achtzehn Hundertstel, der Blick einer gelangweilten Raubkatze. Und ich denke an meinen Vater, der behauptete, der Mensch sei ein Raubtier, und der mich fallen ließ, als er glaubte, meine Schwäche sei angeboren. Die Starken beißen die Jungen ihrer Vorgänger tot, mit Kopfbiss. Ich selbst hatte einmal die Wahl zwischen Vorbiss und Kopfbiss – eine Zahnarztentscheidung, die sich im Rückblick wie eine Lebensentscheidung liest …

Abweichung und Korrektur – im Straßenverkehr von Bangalore genauso wie im Gebiss, im Glauben und in der eigenen Biographie. Wie die Geschichte von Kloster, Ganges und Kopfbiss zusammenhängt – und was es mit der Kröte auf sich hat, die dem Buch seinen Titel gibt – erzählt die vollständige Ausgabe von Die Korrektur der Kröte

Abweichung und Korrektur

Zur Form von „Die Korrektur der Kröte“

Auf der Titelseite steht: „Falls diese Reiseblog einer Indienreise kein Ziel verfolgt, enthält es auch keine Fehler, die korrigiert werden müssten.“ Der Satz behauptet mehr, als er zunächst preisgibt. Ohne Ziel keine Abweichung, ohne Abweichung keine Korrektur, ohne Korrektur keine Erzählung, kein Selbst, kein Buch – ein zielloser Text wäre nicht fehlerfrei im Sinne von gelungen, sondern fehlerfrei im Sinne von irrelevant, weil es kein Maß gäbe, an dem eine Abweichung überhaupt sichtbar würde.

Und im selben Atemzug, in dem der Satz das behauptet, führt er es vor: „diese Reiseblog“ statt „dieses“ – ein Fehler, mitten im Satz über die Voraussetzung von Fehlern. Wer stolpert, korrigiert im Kopf, ohne es zu merken, und hat damit die These des Buches an sich selbst vollzogen, noch bevor die erste Seite beginnt.

Was für den einzelnen Satz gilt, gilt für das ganze Buch, nur größer. Jedes lebende System ist ein Homöostat: Es driftet ab, und es korrigiert. Nicht Ruhe ist sein Normalzustand, sondern die Abweichung von ihr – und der Mechanismus, der sie wieder einfängt, kurz bevor er selbst zur nächsten Abweichung wird. Die Amöbe reguliert ihren osmotischen Druck. Der Rentner, der mit sich nicht ins Reine kommt, reguliert seine Vergangenheit. Beides ist dieselbe Bewegung, nur auf verschiedenen Ebenen.

Dieses Buch ist so gebaut, wie es das beschreibt. Sechzehn Stationen einer Indienreise, gespiegelt um eine Achse, deren Zentrum kein Ereignis ist, sondern ein Foto: eine Kamera, die sich selbst fotografiert, ein leicht beschlagener Spiegel, eine leichte, kaum merkliche Asymmetrie im Bild – die angelehnte Klotür links. Und dann, im Moment der Aufnahme, springt eine Kröte auf das Waschbecken, genau an die Stelle, die das Bild wieder ins Gleichgewicht bringt. Zufall, der aussieht wie Absicht. Genau das ist Korrektur: nicht die Beseitigung des Fehlers, sondern ein zweites Ereignis, das ihn erträglich macht. Und auch dieses Bild hat seine Theorie schon vor sich hergeschickt: lange vor der Kröte, in einer Reflexion über Ich-Entwicklung und Kommunikation, heißt es, jeder Bedeutung gehe „immer ein Defizit (Abweichung) voraus“ – ein Satz, der am Waschbecken in Bihar nicht mehr behauptet, sondern fotografiert wird.

Die äußerste Klammer des Buches ist Prolog und Epilog, und sie ist thematisch so genau gebaut wie strukturell. Im Prolog wird, am Beispiel Hitlers, die abstrakte Frage verhandelt, ob ein guter Mensch ohne einen bösen Menschen überhaupt denkbar ist – eine Ex-Kollegin, die Hitler für eine „Gute Seele“ hält, einen Bodhisattva, der einen undankbaren Job übernommen hat. Im Epilog wird aus der Denkfigur eine Person: der eigene Vater, „als alter Nazi“, der auf „die Schönheit, die aus der Stärke kommt“ abfährt. Was im Prolog noch Gedankenexperiment ist, bekommt im Epilog ein Gesicht, das man kennt. Selbst der Rahmen im Kleinen stimmt: Das Buch beginnt in der „Bibliothek meines Vaters“ und endet in einem Zuggespräch, in dem derselbe Vater ihn, wie es im Text heißt, „fallen ließ“ – ein Satz, der Seiten zuvor, im Kapitel über das verschwundene Bewerbungsportfolio für die Kunstakademie, fast wortgleich schon einmal fällt.

An den beiden äußeren Enden der eigentlichen Reise, in Bangalore und am Connaught Circus, fällt derselbe Satz: „Wir sind im Grunde beide voneinander begeistert, keine Fremden, waren es nie.“ Ein Wiedererkennen, das die Fremdheit – die eigentliche Abweichung dieses Buches – für einen Moment aufhebt, ohne sie zu leugnen. Und an genau diesen beiden Stellen fällt, zusammen mit den beiden anderen Belegen des Buches, das Wort explizit, um das alles kreist: In Bangalore ist es das Hupkonzert selbst, „ein majestätisches Konzert, jede Abweichung wird sofort korrigiert im Sinne des Ganzen“. Am Connaught Circus, direkt nach dem Wiedererkennungssatz, wird daraus ein Ausruf: „Es lebe die Abweichung! Es lebe die Korrektur!“ Kurz vor dem Epilog kippt die Formel noch einmal, diesmal auf den Text selbst gewendet: „Eine Abweichung ohne Korrektur. Aber vielleicht war ja dieses Blog die Korrektur.“ Nicht mehr Indien korrigiert etwas – das Schreiben tut es.

Der Titel trägt diese Doppelung bereits in sich: Die Kröte ist real, ein Tier auf einem Waschbecken in einem Thai-Tempel in Bihar. Und sie ist die andere, die man schluckt, wenn sich nichts mehr ändern lässt außer der eigenen Haltung dazu. Beides gleichzeitig zu meinen, ohne sich für eine Lesart zu entscheiden, ist vielleicht die einzige Korrektur, die einem am Ende bleibt.