Z E I T E N E N D E

Kategorie: Politik & Zeitgeschehen

Murphy’s Law

Was passiert, wenn die Abschreckung versagt? Ein plausibles Szenario – von der Eskalationsleiter im Iran-Konflikt bis zu den geopolitischen Nachbeben in Europa, Asien und der Weltwirtschaft. Mit Huxley als mahnendem Schlusswort.

Plausibles Szenario (nicht Worst Case, denn das wäre der Weltuntergang): die Absicht, der Regime Change, ist fehlgeschlagen, also soll der Iran jetzt vollkommen zerstört werden. Die Iraner wissen das seit 40 Jahren und haben sich auf diesen Existenzkampf David gegen Goliath vorbereitet. Selbst nach Flächenbombardements wie im Zweiten Weltkrieg können sie immer noch Drohnen und Raketen überraschend zielgenau verschießen. Ihr Untergang soll für die USA und Israel maximal teuer sein.

Die Eskalationsleiter der fortschreitenden Zerstörung wird von der stärkeren Seite betrieben: militärische Infrastruktur, Soldaten, Industrie – dann Kläranlagen, Entsalzungsanlagen, Trinkwasser, Schulen, Krankenhäuser – zuletzt Öl- und Gasanlagen. Der Iran zieht jeweils nach, gibt aber nicht nach. Weil keine Stufe den Gegner bricht, wird die nächste gezündet – bis keine konventionelle mehr übrig ist.

Die für den Fall eines Angriffs vor langer Zeit versprochene Sperrung der Straße von Hormus für feindliche Schiffe bringt nun tatsächlich den von Analysten lange erwarteten globalen Zusammenbruch. Es wird schlimmer als 1929. Aktuell versucht Israel offenbar, alles und jeden hineinzuziehen durch False-Flag-Angriffe angeblich auf Türkei (Artikel 5 NATO!), Saudi-Arabien, Aserbaidschan usw. Der Iran bestreitet (nur) diese Angriffe.

Bevor die Wertpapiere ihren Wert gänzlich verlieren (auch gedrucktes Geld), und Tel Aviv gänzlich zerstört wird, wird man nicht etwa die Zerstörung des Iran stoppen, sondern Nägel mit Köpfen machen: Israel greift zur Atombombe.

Für diesen Fall haben sich die Iraner noch konventionelle Überraschungen aufgehoben, die Israel „ausradieren“ sollen. Deshalb reicht wahrscheinlich 1 Bombe nicht. Israel soll mehr als 100 haben. Da alle furchtbar erschrocken sein werden über den ersten Einsatz von Atombomben seit 1945, wird Israel sein „Großisrael“ durchsetzen können.

Der verstrahlte Iran ist mehr oder weniger unbewohnbar, die Straße von Hormuz ist dann frei, aber alle Öl- und Gasanlagen am persischen Golf zerstört.

China schnappt sich Taiwan und prosperiert weiter, wie auch Russland hat es Industrie und die nötigen Ressourcen.

Die angelsächsische Finanzindustrie hat beides nicht mehr und wird im Untergang um sich schießen wie eine Horde wildgewordener Mafiakiller.

Westeuropa wird von USA ausgeschlachtet. Die Bürger werden mit schwer bewaffneten Inlandstruppen und Total-Überwachung verängstigt und traumatisiert. Also enteignet und terrorisiert.

Seit geraumer Zeit interessiert sich niemand mehr für Recht und Völkerrecht. Institutionelle Macht geht über zu faktischer Macht, die von Warlords ausgeübt wird. Also aufgepasst (Vorsicht bittere Satire): sich nicht beim falschen Warlord lieb-Kind-machen, immer den stärksten und brutalsten auswählen, denn der wird am wahrscheinlichsten als Sieger hervorgehen.

Das Dumme an der Abschreckung ist, dass sie versagt! Und das Abschreckende an den Dummen ist ihre Unfähigkeit, Murphy’s Law (das erste) zu verstehen: was schief gehen kann, wird auch schief gehen!

„Doch wenn wir eines über die Zukunft wissen, dann das, dass wir sie nicht vorhersehen können und dass sie in Wirklichkeit oft vollkommen anders aussieht, als wir es erwartet haben.“

— Aldous Huxley, Zeit der Oligarchen, Kapitel 4, Hanser Verlag, aus dem Englischen von Jürgen Neubauer

Bolz-Platz

Norbert Bolz bekommt Besuch vom BKA. Sein Vergehen: Er machte sich über „Deutschland erwacht“ lustig. Zeit für eine Sprachbereinigung – fangen wir mit der Autobahn an.

Der – bis dato – deutsche Vorzeigeintellektuelle Norbert Bolz kommentierte damals im Januar 2024 die TAZ Schlagzeile  „Deutschland erwacht“, mit der das AfD-Verbotsverfahren gefeiert wurde, ironisch so: „Gute Übersetzung von ‚woke‘: Deutschland erwache!“ 

Deshalb wurde er nun bei der Zentralen Meldestelle für strafbare Inhalte im Internet (ZMI) beim Bundeskriminalamt denunziert wegen „Verwendung einer verbotenen NS-Parole“. Was ihm nun am 23. Oktober 2025 eine Hausdurchsuchung einbrachte.

Das sind schon lange keine Einzelfälle mehr. Jedes Mal, wenn sowas passiert, denke ich, jetzt haben sie aber überzogen mit ihrer Einschüchterung, jetzt muss es ja der letzte merken, wo es bei uns hingeht. Bolz ist ja nicht mal ein Dissident, er ist nur ein kritischer Denker, der sich immer treu geblieben ist, was heißt, dass er sich seinen Qualitätsanspruch weder von rechten noch von linken Grobianen beschädigen lassen wollte. Der Mann argumentiert! Er kuschte nicht, gab nicht klein bei und ging das klassische Risiko des Intellektuellen ein, für das sehr viele Vorgänger vor ihm, ich denke z. B. an Emile Zola, einen hohen Preis bezahlten. Da drohte – und droht noch immer – die Vernichtung der Existenz! 

Wenn ich die enorme Reichweite eines Norbert Bolz hätte, müsste ich mich wohl, nach allem, was in meinem Blog zeitenwende.work zu lesen ist, warm anziehen. So eine Hausdurchsuchung ist kein Spaß! Ich habe das schon mal erlebt, im Deutschen Herbst, in der bleiernen Zeit 1977. Fünfzig zivile und fünfzig uniformierte „Bullen“ umstellten unsere 10-Zimmer-Haus-WG, verbrachten alle in das kleinste Zimmer, wo wir 3 Stunden unter einer entsicherten Maschinenpistole ausharren mussten, bis sie alles, was irgendwie nach Geschriebenem oder Fotografiertem aussah, mitgenommen hatten. Ein halbes Jahr später kam dann der Brief von Generalbundesanwalt Rebmann, ohne Entschuldigung. Der Grund sei gewesen, dass in unserem Haus mal der RAF-Anwalt Kornfeld gewohnt habe – den kannte von uns niemand, und ausserdem hätte man unser Telefon ein Jahr abgehört. Die Protokolle hat aber offenbar niemand gelesen – sonst hätte auffallen müssen, dass wir harmlose Hippies waren.

Wie könnte ich die Staatsmacht gnädig stimmen? In vorauseilender Unterwerfung gestehe ich, dass ich schon oft nationalsozialistische Formulierungen in meiner grenzenlosen Naivität benutzt habe. „Alles für Deutschland“ zwar nicht, aber z. B. „Autobahn“, „Kulturschaffende“, „Sonderbehandlung“, „Betreuung“, „Volk“, „Entartet“. Um das wieder gut zu machen, und mich auf der richtigen Seite der Geschichte wiederzufinden, schlage ich vor, die „Autobahn“ umzubenennen in „Highway“. Jeder, der vor der Wende geboren ist, weiß, dass die „Autobahnen“ untrennbar mit Hitlers Aufstieg verbunden sind. Die Autobahn war das Propaganda-Meisterwerk des Regimes – obwohl kaum jemand ein Auto besaß, um darauf zu fahren. Das A-Wort sollte zum Unwort des Jahres gekürt werden. 

Neulich kam ich an einem Altenheim vorbei. Ich erkannte es daran, dass in großen Leuchtbuchstaben „Senior Living“ darauf geschrieben stand. Offenbar „zieht“ der angelsächsische Begriff mehr als das schnöde „Altersheim“, was nicht einmal nationalsozialistisch vorbelastet ist.

Jeder, der „Autobahn“ sagt statt „Highway“, steht in Zukunft im Anfangsverdacht, mit den „Rechten“ zu sympathisieren. Und darf, zu seinem eigenen und unser aller Bestem, bei der Zentralen Meldestelle im Internet (ZMI) angezeigt werden.

Aber ein Problem hab ich noch, was mir Kopfzerbrechen bereitet: „Deutschland muss kriegstüchtig werden“ – das hat doch nicht nur der Deutsche Verteidigungsminister in letzter Zeit mehrmals wiederholt, sondern auch Propagandaminister Goebbels im 2. Weltkrieg. Unter anderem in der Rundfunkrede vom 26. Juli 1944 nach dem Hitler-Attentat. Das Zitat lautet dort:

„Ich verspreche dem deutschen Volke, nichts unversucht zu lassen, um in wenigen Wochen die Heimat in jeder Beziehung kriegstüchtig zu machen.“ Es wurde eine  nationalsozialistische Parole. Ein hochgebildeter deutscher Minister muss das doch wissen. Ich verspüre nun eine gewisse schmerzhafte kognitive Dissonanz.

Um die zu lindern, habe ich in den sozialen Netzwerken nach Statements und Einordnungen gesucht, die geeignet wären, meinen Blickwinkel so zu weiten, dass dieser schmerzhafte Widerspruch sich als das erweist, was er ist, ein Scheinwiderspruch.

Wer sucht der findet. Ein gewisser Nadagain hat vor 8 Monaten hier gepostet: „Das eine ist eine SA-Parole, das andere eine Notwendigkeit.“ 

In meiner politischen Kurzsichtigkeit habe ich mal wieder übersehen, dass das Handeln unserer Regierung von „Notwendigkeiten“ bestimmt wird, also alternativlos ist.

Ganz sicher war auch die Durchsuchung des Hauses von Norbert Bolz „alternativlos“. Wenn wir die Sprache und Wortwahl unserer Intellektuellen nicht überwachen und reinigen von schlechtem Gedankengut, dann droht Wildwuchs und Chaos, dann steigen wir ab aus der Oberliga und landen irgendwann auf dem Bolz-Platz. 

Der Pazifist oder die Logik der Abschreckung

In einer Zeit, in der die Weltuntergangsuhr der Atomwissenschaftler 90 Sekunden vor Mitternacht zeigt – näher am Abgrund als je zuvor –, stellt sich eine fundamentale Frage: Führt die Logik der Abschreckung wirklich zum Frieden oder ist sie der erste Schritt in den Krieg?

Dieser Artikel ist unter dem Titel „Abschreckung bis zur Auslöschung“ auch bei MANOVA erschienen.

Ich sage es gleich: Ich bin Pazifist. Was ist das, ein Pazifist? Einer, der die rechte Backe hinhält, wenn einem auf die linke geschlagen wird? Das ist der radikale Pazifismus, den Jesus gepredigt hat. Auch der in Deutschland sehr beliebte Mahatma Gandhi war sehr erfolgreich mit einem radikalen Pazifismus, der jegliche Gewaltanwendung sogar zur Selbstverteidigung ablehnt. Die Deutschen galten ja bis vor Corona noch als das pazifistischste Volk Europas, das man kaum zum Jagen tragen konnte. Bundeskanzler Kohl hat noch zehn Milliarden an die Amerikaner berappt, um am Golfkrieg nicht teilnehmen zu müssen. Erst SPD-Kanzler Schröder und sein grüner Kompagnon Joschka Fischer haben 1999 einen Angriffskrieg begonnen, der nicht von den Vereinten Nationen (UN) gedeckt war. Man hat elf Wochen lang Serbien heftigst bombardiert, zuerst die Klärwerke und Elektrizitätswerke, dann Fabriken und sonstige Infrastruktur. Wie üblich in solchen Fällen bemüht man zur Rechtfertigung Hitler-Vergleiche. Statt „Nie wieder Krieg“ war Joschka Fischers Propagandahebel „Nie wieder Auschwitz“. Dazu muss man Slobodan Milošević natürlich so etwas wie Auschwitz unterstellen, was man auch versucht hat, dies erwies sich aber später als nicht haltbar.

Das erklärt vielleicht, warum ich heute so erstaunt bin, dass all diese Christen, die zu Hause einen Jesus am Kreuz hängen haben, bereit sind, mich als Putinversteher beziehungsweise Putinknecht herabzuwürdigen, wenn ich eine pazifistische Position vertrete. Eine pazifistische Position bedeutet jedoch beispielsweise, in einem Konflikt beide Seiten zu Wort kommen zu lassen. Wenn wir einem Angeklagten das Wort verbieten, sind wir definitiv im Faschismus!

Es gibt eine sehr schöne Definition von Pazifismus, nämlich: Frieden schaffen ohne Waffen. Leider scheint dieser Satz wenig Überzeugungskraft zu haben, denn die meisten Menschen halten es immer noch für selbstverständlich, dass der gegenteilige Satz „Frieden schaffen mit Waffen“ alternativlos sei. Das Zauberwort hier lautet Abschreckung: Die bösen Räuber dieser Welt würden ohne Abschreckung rauben und morden ohne Ende.

Doch wohin führt uns diese Denkweise? Eine solche Art zu denken führt uns schlicht in barbarische Zeiten, in vor-zivilisatorische Zeiten, als das einzige Gesetz gegen die Macht des Stärkeren das biblische Gesetz „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, von Gott höchstselbst den Menschen gegeben, war. Das ist sogar ein ziemlich kluger Satz, weil er die extrem starke Tendenz zur Konflikt-Eskalation zu bremsen versucht. Es hat dann allerdings einige tausend Jahre gedauert bis zur Proklamation der Menschenrechte, dem Gewaltmonopol des Rechtsstaats, der von freien und gleichberechtigten Bürgern gebildet wird, dessen friedensschaffendes und friedenserhaltendes Prinzip auch von den Vereinten Nationen verwirklicht werden sollte. Das hat jedoch nicht geklappt. Leider ist die internationale Politik immer noch ein rechtsfreier Raum. Mit der Einhaltung des Völkerrechts schmückt man sich nur, wenn es den eigenen Interessen dient. Das liegt wohl am fehlenden Gewaltmonopol. Also zurück zur Barbarei, zur Politik der Abschreckung.

Wir Deutschen sollten, wenn wir das Wort „Abschreckung“ hören, sofort an die Hitlerzeit denken, denn niemand hat in der Menschheitsgeschichte seine Gräueltaten dermaßen mit Abschreckung begründet wie die Nazis. Die Logik der Abschreckung ist die wahre Ursache für Krieg. Die Bombardierung Guernicas sollte die Basken abschrecken, die Vernichtung von Oradour-sur-Glane sollte die französische Résistance abschrecken, die Auslöschung Lidices sollte die Tschechen nach der Ermordung von SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich abschrecken. Damit diese Logik der Abschreckung, die man auch Kriegslogik nennt, wirkt, muss man bereit sein zu Gräueltaten, sonst wird die Abschreckung vom Feind nicht ernst genommen. So zu tun, als wäre man zu Gräueltaten bereit, reicht jedoch nicht – das allein ist noch nicht glaubhaft –, man muss es auch tun. Ein gutes Beispiel sind die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki. Furchtbare Gräueltaten, die bis heute den Respekt vor dem amerikanischen Imperium begründen.

Pazifist wird man in dem Moment, in dem man erkennt, dass die Logik der Abschreckung der erste Schritt in den Krieg ist. Wobei Selbstverteidigung im nicht ganz so radikalen Pazifismus, im Gegensatz zum Pazifismus Jesu oder Gandhis, erlaubt und sogar geboten ist. Dummerweise wird von jedem Angreifer sein Angriff als Selbstverteidigung dargestellt.

Wie diese Logik in der Praxis funktioniert, zeigt sich am aktuellen Konflikt in der Ukraine. Da bildet Putin keine Ausnahme in seinen Reden. Zur Begründung des Völkerrechtsbruchs hatte er explizit auf den Präzedenzfall des Kosovo-Krieges Bezug genommen. Auch Somalia, Libyen, Irak und vor allem Syrien – Länder, mit denen Russland traditionelle Beziehungen und Beistandsverpflichtungen unterhielt – nannte er. Und überhaupt glauben die Russen, das Recht zu haben, sich dem Hegemonie-Anspruch des US-Imperiums zu widersetzen und nach eigener Fasson selig zu werden. Es gebe schließlich nicht nur einen Antisemitismus, es gebe auch einen Antislawismus. Diese Ängste sind nicht unbegründet — bei uns wird nicht erst seit Februar 2022 Angst vor den Russen geschürt, obwohl jedem geschichtsbewussten Mitbürger klar sein müsste, dass die Russen historisch mehr Grund haben, vor uns Angst zu haben als umgekehrt. Beides lasten sie den westlichen Faschisten und Nazis an, die nicht vor der Ausrottung auch slawischer Völker zurückschreckten, die sie für minderwertig erklärten.

Nachdem Putin den Ausverkauf der Bodenschätze an internationale Oligarchen gestoppt hat, hat sich die im Grunde gutmütige russische Seele wieder gefangen und sich ihrer selbst vergewissert. Acht Jahre Krieg gegen die russische Bevölkerung des Donbass – einst das Ruhrgebiet und Hightech-Standort der UdSSR –, angezettelt von amerikanischen Geostrategen, die das „Herzland“ unter ihre Kontrolle bringen wollen, ständige Aufrüstung direkt an der russischen Grenze und schließlich die angestrebte NATO-Mitgliedschaft ließen jedes Fass überlaufen. Die bereits von Putin auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2007 genannten roten Linien waren überschritten. Putins Einmarsch setzte ein Zeichen der Abschreckung: bis hierhin und nicht weiter. Da in diesen acht Jahren die ukrainische Armee von den Amerikanern mit den modernsten Waffen ausgerüstet worden war – sogar Bundeskanzlerin Merkel hat zugegeben, dass Minsk II nicht ernst gemeint war, sondern den Zeitrahmen für diese Aufrüstung schaffen sollte –, entwickelte sich die geplante Militäraktion anders als erwartet. Putin hatte ursprünglich vorgehabt, diejenigen zu verhaften und vor Gericht zu stellen, die er für die Bombardements der Großstädte im Donbass verantwortlich machte — Kräfte, die er als „Faschisten“ und „Nazis“ bezeichnete. Doch die Operation blieb im Stellungskrieg stecken. Nach russischer Darstellung konnten immerhin viele Biowaffenlabore geschlossen werden, in denen Kampfstoffe entwickelt wurden, die speziell slawische Ethnien krank machen sollten und im Bereich der russischen Grenze „mit Erfolg“ getestet worden seien.

Von all diesen Hintergründen und Argumenten erfahren die Deutschen nichts, die russischen Quellen wurden, soweit möglich, geblockt. Der Angeklagte darf nicht gehört werden. Abschreckung ist wie unter Hitler wieder das Maß aller Dinge.

Und so breitet sich diese Denkweise wie ein Virus aus: Wie eine ansteckende Krankheit, die sich im Gegensatz zu Corona von Mutation zu Mutation verschlimmert, greift das Abschreckungsvirus immer weiter um sich. Alle rüsten wie verrückt, die Grünen vergessen die Umweltzerstörung, die CDU vergisst die christliche Botschaft, die SPD vergisst die „kleinen Leute“, die sowieso als erste draufgehen, die Linken vergessen die Solidarität mit den Schwachen, und alle zusammen vergessen die Atombomben.

Das ist nun wirklich der Gipfel der Absurdität, dass in einer Zeit, in der wieder Abschreckungsideologen regieren, die Mutter aller Abschreckung, nämlich die Atombombe, vergessen wird. Dabei stehen wir heute näher am Atomkrieg als jemals zuvor seit der Kubakrise 1962. Die Weltuntergangsuhr der Atomwissenschaftler zeigt 90 Sekunden vor Mitternacht — so nah am Abgrund waren wir noch nie.

Wer die Logik der Abschreckung zu Ende denkt, landet bei der atomaren Vernichtung der Menschheit. Das ist die ultimative Konsequenz dieser Denkweise: die totale Zerstörung als letztes Argument. Genau deshalb ist der Pazifismus heute keine romantische Utopie, sondern ein Gebot des Überlebens. Die Alternative zur Abschreckungslogik ist nicht Unterwerfung — die Alternative ist das Erwachen zu unserer fundamentalen Verbundenheit, die Erkenntnis, dass der Schmerz des anderen unser eigener Schmerz ist, dass es keinen wirklichen Sieg geben kann, wenn er auf dem Leid anderer fühlender Wesen beruht.

Doch die Logik der Abschreckung verlangt das Gegenteil: Sie erklärt andere Menschen zu Werkzeugen des Teufels, damit wir uns als Werkzeuge Gottes sehen können. Der Feind denkt genauso. Aber in dem furchtbaren Totalitarismus, der aus dieser Denkweise erwächst, gilt eine solche Erkenntnis als Wehrkraftzersetzung. Man kann dafür an die Wand gestellt werden. Denn der Sieg muss unser sein — sonst wären unsere Helden umsonst gestorben.

Schließen möchte ich mit Erich Kästner:

„Glaubt nicht,

Ihr hättet Millionen Feinde.

Euer einziger Feind

heißt — Krieg.“


Dieser Text wurde als Rede auf der Friedensdemo am 7.7.2025 auf dem Marktplatz in Bonn gehalten.