Z E I T E N E N D E

Kategorie: Reise & Biografie,

Die Korrektur der Kröte

Eine Kamera fotografiert sich selbst, eine Kröte springt aufs Waschbecken, und das Bild kommt wieder ins Gleichgewicht – Zufall, der aussieht wie Absicht.

„Falls diese Reiseblog einer Indienreise kein Ziel verfolgt, enthält es auch keine Fehler, die korrigiert werden müssten“ – schon der erste Satz stolpert über sich selbst und beweist damit sein eigenes Thema, noch bevor die Reise beginnt. Sechzehn Stationen durch Indien, vom Hupkonzert in Bangalore bis zum Ganges in Varanasi, gespiegelt um ein Foto, auf dem eine Kröte im letzten Moment die Komposition rettet. Jedes lebende System, so die These, ist ein Homöostat: Es driftet ab, und es korrigiert – die Amöbe ihren osmotischen Druck, der Rentner seine Vergangenheit, der Autor seinen eigenen Vater, „als alter Nazi“, der ihn einst fallen ließ. Die Korrektur der Kröte ist eine Reise, die zeigt, dass Abweichung und Korrektur nicht Gegensatz, sondern Lebensform sind – im Straßenverkehr genauso wie im Glauben, im Gebiss und in der eigenen Biographie.

Leseprobe

Gefragt, was ich mit mir in der Rente anzufangen gedenke, antwortete ich, ich wolle schreiben. Jetzt sind fast zwei Jahre vergangen, und ich schreibe so gut wie nicht. Ich sitze nachts im Schwarzwald vor der Bibliothek meines Vaters – Solschenizyn, Bosses Warlord, „So weit die Füße tragen“ – und frage mich, ob es am Ende überhaupt eine Rolle spielt, ob einer geschrieben hat oder nicht. Der Wandel der Zeit geht über alles hinweg. Jeder kämpft nach seinem Vermögen. Sogar der Terrorist. Sogar Hitler. Am Ende seines Lebens, glaube ich, kann jeder mit einem gewissen Recht sagen: Ich habe immer versucht, das Richtige zu tun.

Von da an ist der Text geritzt, und die Reise beginnt dort, wo ich sie am wenigsten erwartet hätte: im Hupkonzert von Bangalore, wo ein Fahrer mir in Sekundenschnelle erklärt, wo überall seine Familie wohnt, wo überall er Eigentum hat – ein glückliches, erfolgreiches Glied in einer endlosen Kette, während ich noch versuche, die Spielregeln des Verkehrs zu verstehen, die keine sind. Und doch, mitten im scheinbaren Chaos, ein majestätisches Konzert: Jede Abweichung wird sofort korrigiert im Sinne des Ganzen, als hätte der Verkehr selbst einen Taktstock, den nur ich nicht sehe.

Ein paar Kapitel später: ein tibetisches Kloster, Weihnachten unterm blauen Himmel des Himalaya, deutsche Weihnachtslieder im Khangtsen unseres Gastgebers, während drinnen der Dalai Lama zu Zehntausenden von Mönchen und Nonnen lehrt und wir draußen über UKW eine Simultanübersetzung hören – Französisch, Spanisch, Russisch, ein Turmbau zu Babel der Ergriffenheit. Ein wadenhoher Altar, kein Tisch, kein Stuhl, geduscht wird kalt. Die Frage, was Schlichtheit eigentlich bedeutet, wenn man sie sich nur leisten kann, weil man jederzeit wieder gehen darf.

Dann Varanasi, nachts um zwei, eine Meute Rikschafahrer stürzt sich auf mich am Bahnsteig, ich flüchte in die Bahnhofsvorhalle und lege mich zu den Schlafenden. Die Stadt, in der geboren, gestorben, gekackt und gezeugt wird, ohne Ansehen der Person – Menschen, Tiere und Straßendreck zu einer einzigen haarsträubenden Masse verschmolzen. Und mittendrin die alte, nie ganz gelöste Frage: ob der Ganges bei Sonnenaufgang ein Wunder ist oder einfach nur das, was er ist. It’s the same, stupid. Same, same.

In Puttaparthi treffe ich auf Sathya Sai Baba und die Legenden von der silbrigen Asche, die er angeblich aus dem Nichts materialisiert. Ich bin skeptisch, wie ich es fast immer bin, wenn das Wunderbare sich allzu bereitwillig ausstellt. In Bodhgaya, unter der Mahabodhi-Stupa, wo Buddha die Erleuchtung fand, stelle ich mir vor, was ein Reparaturversuch am eigenen Ego eigentlich kosten würde – und ob der überhaupt gelingen kann, oder ob, wie bei einem undichten Wasserrohr, jede Korrektur am Ende doch misslingt.

Am Schluss, auf der Rückfahrt durchs Rheintal, sitze ich einer jungen Frau gegenüber, die einen Groschenroman liest, Desire, blutrot beschriftet. Unsere Blicke treffen sich, ein paar Hundertstelsekunden zu lang, dann wieder, achtzehn Hundertstel, der Blick einer gelangweilten Raubkatze. Und ich denke an meinen Vater, der behauptete, der Mensch sei ein Raubtier, und der mich fallen ließ, als er glaubte, meine Schwäche sei angeboren. Die Starken beißen die Jungen ihrer Vorgänger tot, mit Kopfbiss. Ich selbst hatte einmal die Wahl zwischen Vorbiss und Kopfbiss – eine Zahnarztentscheidung, die sich im Rückblick wie eine Lebensentscheidung liest …

Abweichung und Korrektur – im Straßenverkehr von Bangalore genauso wie im Gebiss, im Glauben und in der eigenen Biographie. Wie die Geschichte von Kloster, Ganges und Kopfbiss zusammenhängt – und was es mit der Kröte auf sich hat, die dem Buch seinen Titel gibt – erzählt die vollständige Ausgabe von Die Korrektur der Kröte

Abweichung und Korrektur

Zur Form von „Die Korrektur der Kröte“

Auf der Titelseite steht: „Falls diese Reiseblog einer Indienreise kein Ziel verfolgt, enthält es auch keine Fehler, die korrigiert werden müssten.“ Der Satz behauptet mehr, als er zunächst preisgibt. Ohne Ziel keine Abweichung, ohne Abweichung keine Korrektur, ohne Korrektur keine Erzählung, kein Selbst, kein Buch – ein zielloser Text wäre nicht fehlerfrei im Sinne von gelungen, sondern fehlerfrei im Sinne von irrelevant, weil es kein Maß gäbe, an dem eine Abweichung überhaupt sichtbar würde.

Und im selben Atemzug, in dem der Satz das behauptet, führt er es vor: „diese Reiseblog“ statt „dieses“ – ein Fehler, mitten im Satz über die Voraussetzung von Fehlern. Wer stolpert, korrigiert im Kopf, ohne es zu merken, und hat damit die These des Buches an sich selbst vollzogen, noch bevor die erste Seite beginnt.

Was für den einzelnen Satz gilt, gilt für das ganze Buch, nur größer. Jedes lebende System ist ein Homöostat: Es driftet ab, und es korrigiert. Nicht Ruhe ist sein Normalzustand, sondern die Abweichung von ihr – und der Mechanismus, der sie wieder einfängt, kurz bevor er selbst zur nächsten Abweichung wird. Die Amöbe reguliert ihren osmotischen Druck. Der Rentner, der mit sich nicht ins Reine kommt, reguliert seine Vergangenheit. Beides ist dieselbe Bewegung, nur auf verschiedenen Ebenen.

Dieses Buch ist so gebaut, wie es das beschreibt. Sechzehn Stationen einer Indienreise, gespiegelt um eine Achse, deren Zentrum kein Ereignis ist, sondern ein Foto: eine Kamera, die sich selbst fotografiert, ein leicht beschlagener Spiegel, eine leichte, kaum merkliche Asymmetrie im Bild – die angelehnte Klotür links. Und dann, im Moment der Aufnahme, springt eine Kröte auf das Waschbecken, genau an die Stelle, die das Bild wieder ins Gleichgewicht bringt. Zufall, der aussieht wie Absicht. Genau das ist Korrektur: nicht die Beseitigung des Fehlers, sondern ein zweites Ereignis, das ihn erträglich macht. Und auch dieses Bild hat seine Theorie schon vor sich hergeschickt: lange vor der Kröte, in einer Reflexion über Ich-Entwicklung und Kommunikation, heißt es, jeder Bedeutung gehe „immer ein Defizit (Abweichung) voraus“ – ein Satz, der am Waschbecken in Bihar nicht mehr behauptet, sondern fotografiert wird.

Die äußerste Klammer des Buches ist Prolog und Epilog, und sie ist thematisch so genau gebaut wie strukturell. Im Prolog wird, am Beispiel Hitlers, die abstrakte Frage verhandelt, ob ein guter Mensch ohne einen bösen Menschen überhaupt denkbar ist – eine Ex-Kollegin, die Hitler für eine „Gute Seele“ hält, einen Bodhisattva, der einen undankbaren Job übernommen hat. Im Epilog wird aus der Denkfigur eine Person: der eigene Vater, „als alter Nazi“, der auf „die Schönheit, die aus der Stärke kommt“ abfährt. Was im Prolog noch Gedankenexperiment ist, bekommt im Epilog ein Gesicht, das man kennt. Selbst der Rahmen im Kleinen stimmt: Das Buch beginnt in der „Bibliothek meines Vaters“ und endet in einem Zuggespräch, in dem derselbe Vater ihn, wie es im Text heißt, „fallen ließ“ – ein Satz, der Seiten zuvor, im Kapitel über das verschwundene Bewerbungsportfolio für die Kunstakademie, fast wortgleich schon einmal fällt.

An den beiden äußeren Enden der eigentlichen Reise, in Bangalore und am Connaught Circus, fällt derselbe Satz: „Wir sind im Grunde beide voneinander begeistert, keine Fremden, waren es nie.“ Ein Wiedererkennen, das die Fremdheit – die eigentliche Abweichung dieses Buches – für einen Moment aufhebt, ohne sie zu leugnen. Und an genau diesen beiden Stellen fällt, zusammen mit den beiden anderen Belegen des Buches, das Wort explizit, um das alles kreist: In Bangalore ist es das Hupkonzert selbst, „ein majestätisches Konzert, jede Abweichung wird sofort korrigiert im Sinne des Ganzen“. Am Connaught Circus, direkt nach dem Wiedererkennungssatz, wird daraus ein Ausruf: „Es lebe die Abweichung! Es lebe die Korrektur!“ Kurz vor dem Epilog kippt die Formel noch einmal, diesmal auf den Text selbst gewendet: „Eine Abweichung ohne Korrektur. Aber vielleicht war ja dieses Blog die Korrektur.“ Nicht mehr Indien korrigiert etwas – das Schreiben tut es.

Der Titel trägt diese Doppelung bereits in sich: Die Kröte ist real, ein Tier auf einem Waschbecken in einem Thai-Tempel in Bihar. Und sie ist die andere, die man schluckt, wenn sich nichts mehr ändern lässt außer der eigenen Haltung dazu. Beides gleichzeitig zu meinen, ohne sich für eine Lesart zu entscheiden, ist vielleicht die einzige Korrektur, die einem am Ende bleibt.


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Von den Barrikaden zum Grundgesetz

Ein 68er zwischen Vietnamprotesten und Corona-Spaltung

Hofgarten Wiese, Bonn • 23. Juni 2022

„Man muss auf die Straße gehen, um seine Selbstachtung zu behalten“ – so fasst ein Zeitzeuge der 68er-Bewegung seine Motivation zusammen. Auf der geschichtsträchtigen Wiese vor der Bonner Universität erzählt er von seinem Weg vom Vietnamkriegs-Protest bis zu den gesellschaftlichen Verwerfungen der Corona-Zeit.

Damals wie heute: Der Kampf um die Demokratie

1968 gingen sie gegen Bombenteppiche und für Aufklärung auf die Straße. Heidelberg war die Logistikzentrale für den Vietnamkrieg, die Polizei noch von „echten Nazis“ geführt. Heute sieht der ehemalige Student erschreckende Parallelen: gesellschaftliche Spaltung, Diffamierung Andersdenkender, und die Gefahr einer „Totalüberwachung, wie es sie noch nie gegeben hat.“

Wenn Freunde zu Fremden werden

Das Schmerzhafteste an der Corona-Zeit? Als die eigene Tochter Angst hatte, der Vater könnte zum „Verschwörungstheoretiker“ werden. Wenn rationale Argumente plötzlich als Feindseligkeit wahrgenommen werden und langjährige Freundschaften zerbrechen.

Zwischen Hoffnung und Resignation

„Wir waren damals sicher 10%, wenn nicht sogar 20% der Gesellschaft“ – heute fragt er sich, ob der Kern derer, die Demokratie und Aufklärung hochhalten wollen, nicht geschrumpft ist. Dennoch bleibt er optimistisch: Wenn die kritische Masse erreicht ist, kann auch eine ganze „Herde“ plötzlich ihre Richtung ändern.

Ein Interview über Generationenkonflikt, demokratische Traditionen und die Frage: Wie diskutiert man mit Andersdenkenden, ohne Freunde zu verlieren?


Aufgezeichnet im historischen Hofgarten der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, wo bereits Generationen von Studenten für ihre Überzeugungen eingetreten sind.

Alles gut 

Manchmal sagt ein kurzer Brief mehr über eine Zeit aus als lange Abhandlungen. Geschrieben im Februar 2022, auf dem Höhepunkt der deutschen Impfkampagne, dokumentiert dieser scheinbar beiläufige Brief an einen alten Freund die gesellschaftlichen Verwerfungen einer Epoche – und die Einsamkeit derer, die nicht mitmachen wollten.

Hi Rainer,

Alles gut (Adresse, PDF). 

Viele Grüße

Alfred

Ps: Vielleicht sehen wir uns ja mal wieder, wenn 2G geendet hat oder ich zur Impfung gezwungen wurde (die Belege für meine COVID-19 Erkrankung im November, 2 Schnelltests und nach 4 Wochen einen teuren SARS-COV-2 Antikörpertest)  reichen nicht für einen Genesenenstatus, der aber sowieso schon bald nicht mehr gültig wäre). Damit käme ich als zurückgezogener Rentner klar. Schmerzhaft wäre allerdings die Ablehnung und Ausgrenzung durch buddhistische, geimpfte Freunde, die mein Einstehen für Aufklärung und Grundrechte als unreifen Egoismus verstehen. Buddha war nach meinem Verständnis ein radikaler Aufklärer, kein Mitläufer in einem Feudalsystem. Immerhin haben damals die Advaita Hindus mit ihm diskutiert und nicht, wie die kath. Kirche Giordano Bruno, lebendig verbrannt. Meine Sympathie und Solidarität gehört den „Verdammten dieser Erde“, den „Ketzern“, die den Mut aufbringen, „sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen“.

Neulich Nachts beim Nachhauseradeln

Herbst 2021 – Deutschland diskutiert über Impfpflicht, Lockdowns spalten Familien und Freundschaften. Eine nächtliche Begegnung führt zu einer Nachricht an mögliche Gratulanten.

rief mich jemand aus dem Dunkel der Rüngsdorfer Straße, es war ein Bekannter aus Vor-Corona-Zeit, ich freute mich, ihn zu treffen, wie gehts, wie steht’s, schön, Dich zu treffen, macht’s Dir was aus, ich bin ungeimpft, bin etwas ängstlich, weil ich immer mit Autoimmunkrankheiten zu tun hatte und 2 tiefe Beinvenenthrombosen, könnte deshalb höheres Impfrisiko haben, aber als zurückgezogener Rentner ein geringes Ansteckungsrisiko, also beide Risiken ungefähr in der gleichen Größenordnung, habe das recherchiert (als alter Statistik-Crack kann ich die Statistiken des RKI, der WHO, PEI usw. Lesen), dann lieber nicht impfen.

Im Verlauf der Diskussion am Straßenrand erfuhr ich, wie schlimm es auf den Intensivstationen sei, und dass die Querdenker ein ganz übler Verein sind. Ob er denn auf https://querdenken-711.de schon mal geschaut hätte, als zivilisierter Demokrat sollte man doch auch den Angeklagten zu Wort kommen lassen? Das fehlte noch, aber er möchte nicht erfahren müssen, dass ich auf der Corona-Intensivstation – da soll er sich mal keine Sorgen machen, ich sei es gewohnt, meine Lebensrisiken selbst einzuschätzen und außerdem, an irgendetwas müsse man ja sterben, gerade sei meine Cousine nach 4 Jahren an ALS verstorben, das sei auch nicht lustig.

Er sei übrigens der Meinung, dass Ungeimpfte von der Intensivstation nicht aufgenommen werden sollten oder wenigstens die Behandlung nicht von der Allgemeinheit bezahlt bekommen. Ich starre ihn entgeistert an. Und was ist mit starken Rauchern, die mit Lungenkrebs eingeliefert werden? Oder Verkehrsunfallverursachern? Ob ihm die Unmenschlichkeit dieser Haltung aufgehe? 

Ob ich sonst noch Argumente hätte angesichts zigtausender Tote? Ich sagte, ich glaube nicht, dass er sich damit auseinandersetzen wird, aber ich werde ihm was schicken. Bald darauf trennten wir uns. Zu Hause angekommen, stolperte ich im Internet über dieses Interview. https://nuoflix.de/prof-dr-werner-bergholz-die-wissenschaft-ist-ausser-kraft-gesetzt

Diesen Prof. Dr. Werner Bergholz halte ich weder für einen Schwurbler, noch Spinner, noch Verschwörungstheoretiker, noch Aluhutträger. Er ist mutig, verantwortungsvoll, authentisch, kompetent, unbestechlich und hat Rückgrat. Denn falls dies Interview „viral geht“, könnte ihm eine Hausdurchsuchung blühen, bei der „Kinderpornos“ gefunden werden. Das ist keine Verschwörungstheorie, das kann passieren heute in Deutschland (auch das Haus dieses Weimarer Richters, der mit dem Masken-Urteil, wurde durchsucht), aber der brave Lanz & Co-Gucker oder Süddeutsche-Leser erfährt davon nichts. Nein, das ist übertrieben, das ist ja die maximale soziale Vernichtung, so gefährlich sind nur wenige, wie Julian Assange zum Beispiel.

So, genug geschwurbelt! In ein paar Tagen werde ich 73. Falls jemand mir gratulieren wollte, bitte nur dann, wenn ihr der Meinung seid, dass auch ich, im Falle einer Corona Ansteckung, als Kassenpatient ein Recht auf Behandlung habe.

Gute Gesundheit!

Euer Alfred / Rajo

Von meinem iPad gesendet

Böse, Böser, Querdenker

Als Sohn eines schwulen Nazis, SS Manns, Leistungssportlers und Holocaust-Leugners, war ich schon als Kind in den fünfziger Jahren ein Querdenker, das hat mich gerettet, sonst wäre ich heute tot oder ein opportunistischer Chauvinist.

Bin ich ein Querdenker, wenn ich das Grundgesetz hochhalte? Was ist ein Querdenker? Wird er durch Zuschreibungen zum Querdenker? Vor Corona hatte das Wort noch einen positiven Klang, sogar im bayerischen Rundfunk gab es Querdenker (die Sendung hieß „quer“). Beim allgegenwärtigen Mobbing, wenn eine Mehrheit eine Minderheit mobbt, bin ich heute instinktiv auf der Seite der Minderheit, auf der Seite der Schwächeren, das war in jungen Jahren gerade umgekehrt, da wollte ich auf keinen Fall zu den Gemobbten gehören sondern im Strom der Mobbenden nach oben schwimmen. Ich bin heute nicht bereit, mich an einem Mobbing zum Beispiel der Impf-Verweigerer zu beteiligen. Immerhin nehmen sie ein Grundrecht wahr.

Hallo Thomas

Gesendet: Donnerstag, 27. August 2020 um 22:48 Uhr

Von: „Alfred xxx“ <xxx@gmail.com>

An: „Thomas xxx“ <xxx@gmx.net>

Betreff: Meinungsfreiheit

https://youtu.be/1xOE9fwtpC8

Dieser Polizist, der das Grundgesetz ernst nimmt, verliert wegen privater Meinungsäußerung wohl seine Pension

Von meinem iPhone gesendet

Am 28.08.2020 um 10:50 schrieb Thomas xxx <xxx@gmx.net>:

Hallo Alfred,

ich verstehe die Aufregung nicht, der Polizist hat gegen Beamtenrecht verstoßen, daher die Sanktionen. Gerichtlich wird geklärt, ob das rechtens ist. Und warum sagt er nicht, was er gesagt hat und dass das, was er gesagt hat möglicherweise auf Grund des Beamtenstatus problematisch sein könnte.

Statt dessen stellt er sich auf eine Stufe mit Regimekritikern in Russland (was sagst du eigentlich dazu was mit Regimkritikern in Russland passiert?) und suggeriert, dass wir in einem Staat leben, wo die Meinungsfreiheit genauso ein beschränkt ist wie in Russland oder anderen autoritären Staaten.

Und dann dieser Blödsinn mit Bill Gates, der Verschwörungstheorie über Impfpflichtig, für mich unerträglich.

Einen schönen Tag 

Thomas

Hallo Thomas,

können also Beamte, wenn sie nicht im Dienst sind, an genehmigten Demonstrationen nicht teilnehmen? Und eine ums Grundgesetz besorgte Meinung äußern? Das überrascht mich. Das werde ich eruieren. Dass er das aus Gewissensnot macht, nehm ich ihm ab. Immerhin geht er Risiko. Sind das nicht auch „Bürger in Uniform“? Ich hoffe, er irrt, und das GG muss gar nicht verteidigt werden.  Und die Unabhängigkeit der Justiz steht. Insofern hast Du recht, ich rege mich wieder ab. Hier die Dortmunder, erste Rede. https://www.youtube.com/watch?v=Fqs5xtCn-p8 Das Publikum der 2. Rede kannte die erste Rede schon. Die „Mainstream“-Presse versucht ihn mit dem Stichwort „Nazi-Vergleiche“ in die rechte Ecke zu stellen. Aber in Sonntagsreden werden wir ermahnt, dass wir die Nazi-Zeit niemals vergessen dürfen. Warum nehmen sie also stattdessen nicht sein Bekenntnis, ein Patriot zu sein („Patriot, kein Idiot“)?

Rechtsstaatlichkeit und Freiheitlich Demokratische Grundordnung auf der Grundlage der Menschenrechte, wie sie im Grundgesetz und der UNO Charta skizziert sind, bilden für mich die Kriterien, nach denen ich alle kriminellen Aktivitäten  auch in Russland, beurteilen möchte. Also gilt für mich auch da erst mal die Unschuldsvermutung. Auch möchte ich den Angeklagten zu Wort kommen lassen. Deshalb schaue ich manchmal RT, Russia Today, den Feindsender, und DW Deutsche Welle zum gleichen Thema. Wenn dereinst Feindsender gucken blockiert wird, wissen wir, dass ein Krieg gegen Russland bevorsteht. Oder Iran. Ok, das klingt so lange verschwörungstheoretisch, bis es passiert. Auch vor den Kriegen gegen Irak, Serbien, Somalia, Libyen, Syrien klang ich so. 1 Tag vor den Bombardierungen ist alle öffentliche Kritik verstummt. Waren alle froh, dass es Saddam, Milosewitsch, Gaddafi  Janukowitsch,  Assad an den Kragen geht? Demnächst Lukaschenko, dann Putin. Und alles aus Menschenfreundlichkeit. Sorry, war gerade von Bitterkeit überwältigt.

Wie geht man bei uns mit den Whistleblowern um, die Kriegsverbrechen oder Totalüberwachung der USA ans Licht gebracht haben? Werden Assange oder Snowden einen fairen Prozess bekommen?

Im Moment wird ja auch heftig demonstriert in Minsk, m. W. unter Nichtbeachtung des Infektionsschutzes. Trotzdem werden diese Demonstrationen gelobt (wie auch die Antirassismus Demos, wo ich auch keinen Infektionsschutz gesehen habe). Die Regime Change Politik hat doch immer nur zu größtem Leid der Bevölkerungen geführt.

Zu Bill Gates: https://www.heise.de/tp/features/Ueber-Impfstoffe-zur-digitalen-Identitaet-4713041.html?seite=all 

Diesen Artikel finde ich nicht besonders verschwörungstheoretisch, eher journalistisch.

Es gibt sehr viele Meinungen, die von meiner Meinung abweichen. „Unerträglich“ ist schon ein starkes Wort. Demokratie braucht doch Toleranz. Ergebnisoffene Debatte, z. B. über Zwangsimpfung. Ich bin gar kein Impfgegner, aber ein Gegner der Zwangsimpfung von Erwachsenen bzw. gegen den Willen der Eltern. Ich verstehe, dass Du als Arzt die Position vieler Impfgegner verantwortungslos und damit unerträglich findest. Oder auch komplett hanebüchen und verblödet, wenn nicht sogar paranoid. Andererseits bedeutet „Unerträglich“ auch Abspaltung, Spaltung, Verdrängung. Zwangsgeimpfte könnten Hass entwickeln. Totalitarismus kann bedeuten, dass eine Mehrheit (die Vernünftigen / Starken / Reichen) einer Minderheit (die Unvernünftigen / Schwachen / Armen) ihren Willen und Wertekanon aufzwingt, weil sie den Willen und Wertekanon der Minderheit „unerträglich“ findet. Dagegen wurde Demokratie erfunden. Der Rechtsstaat. Meinungsfreiheit. Scheiße, ich fange an zu dozieren, ich will eigentlich nicht, dass das so klingt. Nur ein bischen diskutieren über die Zeitläufte …

Wow, das ist ja ein halber Aufsatz geworden

Herzliche Grüße aus Berlin

Alfred

PS: ich hoffe, dass in dieser nächtlichen Meinungsäußerung keine für Dich unerträglichen Wendungen enthalten sind, und wenn doch, Du gnädig über Zumutungen hinwegsiehst, bis wir hoffentlich irgendwann wieder über den ganzen Mist lachen … habe gezögert, es abzuschicken, möchte nicht nerven oder Deine Zeit verschwenden  Du hast vielleicht recht, und ich weiß meine hiesige Meinungsfreiheit gar nicht richtig zu würdigen. Morgen geh ich mal zum Brandenburger Tor und schau mir das an. Hoffentlich wird mein Auto nicht abgefackelt.

Pegnitzer Schwimmbad

Schwimmbäder sind für mich Orte der Genesung. Aber bevor ich am Pegnitzer Schwimmbad landete, musste ich erst durch eine Nacht voller Pannen und unerwarteter Menschlichkeit.

Heute mit stärkerem Schwindel aufgewacht als gestern. Auf dem Weg von Baden-Baden nach Berlin gestern Abend vor Nürnberg Leistungsverlust des 2,2 l Diesel. Als das Motorlämpchen angeht, runter von der Autobahn. Recht desorientiert, überschwemmt von Empfindungen der Schusseligkeit und passiven Schicksalsergebenheit stehe ich da einsam weit nach Feierabend auf einem riesigen Firmenparkplatz vor einer riesigen Halle ohne Firmenschild. Internetzugang schlecht, Handy zeigt nur E. Offline die nächste Tankstelle geortet. Das E-Faltrad rausgeholt und 1 km hingesummt. Hat natürlich zu. Gegenüber taucht ein weißgekleideter Mann auf. Ich rolle hin, ob er wüsste, wo die nächste Daimler Benz Werkstatt ist, Internet wäre schlecht. Er ist gerade erst zugezogen, ich soll doch telefonieren. Zurück zum Problemauto. Im Handschuhfach findet sich tatsächlich bei den Service Unterlagen eine nationale Servicenummer. Musik. Haben Sie noch einen Moment Geduld. Musik. Haben Sie bitte noch einen Moment Geduld. Ca. 25x. Ich will gerade auflegen, da hebt jemand ab. Sympathische Frauenstimme. Ich schildere meine Lage und gebe Name, Adresse, Position, KFZ- und Fahrgestellnummer. Auch ohne Mobilitätsgarantie wird mich der nächstgelegene Daimler Mechaniker anrufen und weitere Schritte vorschlagen. Kostet halt. Ergeben und dankbar stimme ich zu. Schon bald klingelt das Handy, ich soll zur Werkstatt nach Ansbach fahren, ok, Navi meldet 25 km. Navi leitet mich auf die Autobahn. Im letzten Moment, bereits in der Auffahrt, wende ich illegal, ich traue mich nicht auf die Autobahn mit der lahmen Ente. Leicht verwirrt und schusselig schaffe ich es am Straßenrand, dem Navi die Autobahn zu verbieten. 34 km. Ich kriege die Schüssel immerhin noch auf 100.

Die Daimler Werkstatt erweist sich als Glücksgriff (die Höhe der Rechnung ist mir noch unbekannt). Es ist dunkel geworden, ein Montagabend kurz vor 22 Uhr. 3 junge Mechaniker analysieren mein Problem in einer Stimmung, die ich, ich war immerhin auch ein Leben lang Systemanalytiker, als optimal wahrnehme: nüchtern, konzentriert, mit untergründiger Lust an der eigenen Fähigkeit, dem eigenen Können und dann noch die Erfahrung. Letztere lässt den Jüngsten der 3 einen relativ unzugänglichen Schlauch in voller Länge abtasten, der an einer Unterdruckdose angeflanscht ist. Ich hab’s, sagt er. Ein Loch, durch das man den kleinen Finger stecken kann. Offenbar hatte dieser Schlauch, warum auch immer, an dieser Stelle Kontakt mit dem Turbolader. Die heißeste Außenstelle am Motor, steuere ich bei. Zustimmendes Nicken. Überhaupt wurden meine Zwischenfragen immer knapp, aber kompetent beantwortet, so, als wüssten sie, dass ich einen Honda Motorrad Motor mal (1977) inklusive Getriebe komplett zerlegt und wieder zusammengesetzt habe.

Danach bin ich noch weitergefahren, bis zum Pegnitzer Schwimmbad, wo ich die Nacht auf der Rückbank verbracht habe und am Morgen mit Schwindel, wie gestern, aufgewacht bin. Schwimmbäder sind für mich ein Ort der Genesung. Wie positiv und lustvoll die Menschen hier miteinander umgehen. Die kleinen sind wahnsinnig süß, die Mädchen unfassbar hübsch, die Jungs mimen vor ihnen Helden, Mütter und Väter (MAFIA Mothers And Fathers In Association) müssen sich erholen, und die Alten sind auch entspannt, weil sie es hinter sich haben. Wer will, kann hier sehen, dass alle Menschen vollkommen gutwillig sind, soziale Wesen, die in allen ihren Beziehungen nach lustvollen Erfahrungen suchen, kein bisschen verschlagen oder verlogen, man will einfach Spaß haben, und gönnt es auch jedem anderen.

Erst bei Interessenkonflikten hört der Spaß auf und der Stress fängt an und damit der ganze Egotrip, das Leben wird zum Kampf, wo derjenige, der zuerst den Pfad der Fairness verlässt, dadurch zu gewinnen glaubt, und hinterher fragt niemand mehr, mit welchen Mitteln man gewonnen hat, ob man gar über Leichen gegangen ist.

So sind die meisten Menschen Verlierer, aber die Kinder von Gewinnern, doch hier im Schwimmbad sind alle gleich.