Norbert Bolz bekommt Besuch vom BKA. Sein Vergehen: Er machte sich über „Deutschland erwacht“ lustig. Zeit für eine Sprachbereinigung – fangen wir mit der Autobahn an.
Der – bis dato – deutsche Vorzeigeintellektuelle Norbert Bolz kommentierte damals im Januar 2024 die TAZ Schlagzeile „Deutschland erwacht“, mit der das AfD-Verbotsverfahren gefeiert wurde, ironisch so: „Gute Übersetzung von ‚woke‘: Deutschland erwache!“
Deshalb wurde er nun bei der Zentralen Meldestelle für strafbare Inhalte im Internet (ZMI) beim Bundeskriminalamt denunziert wegen „Verwendung einer verbotenen NS-Parole“. Was ihm nun am 23. Oktober 2025 eine Hausdurchsuchung einbrachte.
Das sind schon lange keine Einzelfälle mehr. Jedes Mal, wenn sowas passiert, denke ich, jetzt haben sie aber überzogen mit ihrer Einschüchterung, jetzt muss es ja der letzte merken, wo es bei uns hingeht. Bolz ist ja nicht mal ein Dissident, er ist nur ein kritischer Denker, der sich immer treu geblieben ist, was heißt, dass er sich seinen Qualitätsanspruch weder von rechten noch von linken Grobianen beschädigen lassen wollte. Der Mann argumentiert! Er kuschte nicht, gab nicht klein bei und ging das klassische Risiko des Intellektuellen ein, für das sehr viele Vorgänger vor ihm, ich denke z. B. an Emile Zola, einen hohen Preis bezahlten. Da drohte – und droht noch immer – die Vernichtung der Existenz!
Wenn ich die enorme Reichweite eines Norbert Bolz hätte, müsste ich mich wohl, nach allem, was in meinem Blog zeitenwende.work zu lesen ist, warm anziehen. So eine Hausdurchsuchung ist kein Spaß! Ich habe das schon mal erlebt, im Deutschen Herbst, in der bleiernen Zeit 1977. Fünfzig zivile und fünfzig uniformierte „Bullen“ umstellten unsere 10-Zimmer-Haus-WG, verbrachten alle in das kleinste Zimmer, wo wir 3 Stunden unter einer entsicherten Maschinenpistole ausharren mussten, bis sie alles, was irgendwie nach Geschriebenem oder Fotografiertem aussah, mitgenommen hatten. Ein halbes Jahr später kam dann der Brief von Generalbundesanwalt Rebmann, ohne Entschuldigung. Der Grund sei gewesen, dass in unserem Haus mal der RAF-Anwalt Kornfeld gewohnt habe – den kannte von uns niemand, und ausserdem hätte man unser Telefon ein Jahr abgehört. Die Protokolle hat aber offenbar niemand gelesen – sonst hätte auffallen müssen, dass wir harmlose Hippies waren.
Wie könnte ich die Staatsmacht gnädig stimmen? In vorauseilender Unterwerfung gestehe ich, dass ich schon oft nationalsozialistische Formulierungen in meiner grenzenlosen Naivität benutzt habe. „Alles für Deutschland“ zwar nicht, aber z. B. „Autobahn“, „Kulturschaffende“, „Sonderbehandlung“, „Betreuung“, „Volk“, „Entartet“. Um das wieder gut zu machen, und mich auf der richtigen Seite der Geschichte wiederzufinden, schlage ich vor, die „Autobahn“ umzubenennen in „Highway“. Jeder, der vor der Wende geboren ist, weiß, dass die „Autobahnen“ untrennbar mit Hitlers Aufstieg verbunden sind. Die Autobahn war das Propaganda-Meisterwerk des Regimes – obwohl kaum jemand ein Auto besaß, um darauf zu fahren. Das A-Wort sollte zum Unwort des Jahres gekürt werden.
Neulich kam ich an einem Altenheim vorbei. Ich erkannte es daran, dass in großen Leuchtbuchstaben „Senior Living“ darauf geschrieben stand. Offenbar „zieht“ der angelsächsische Begriff mehr als das schnöde „Altersheim“, was nicht einmal nationalsozialistisch vorbelastet ist.
Jeder, der „Autobahn“ sagt statt „Highway“, steht in Zukunft im Anfangsverdacht, mit den „Rechten“ zu sympathisieren. Und darf, zu seinem eigenen und unser aller Bestem, bei der Zentralen Meldestelle im Internet (ZMI) angezeigt werden.
Aber ein Problem hab ich noch, was mir Kopfzerbrechen bereitet: „Deutschland muss kriegstüchtig werden“ – das hat doch nicht nur der Deutsche Verteidigungsminister in letzter Zeit mehrmals wiederholt, sondern auch Propagandaminister Goebbels im 2. Weltkrieg. Unter anderem in der Rundfunkrede vom 26. Juli 1944 nach dem Hitler-Attentat. Das Zitat lautet dort:
„Ich verspreche dem deutschen Volke, nichts unversucht zu lassen, um in wenigen Wochen die Heimat in jeder Beziehung kriegstüchtig zu machen.“ Es wurde eine nationalsozialistische Parole. Ein hochgebildeter deutscher Minister muss das doch wissen. Ich verspüre nun eine gewisse schmerzhafte kognitive Dissonanz.
Um die zu lindern, habe ich in den sozialen Netzwerken nach Statements und Einordnungen gesucht, die geeignet wären, meinen Blickwinkel so zu weiten, dass dieser schmerzhafte Widerspruch sich als das erweist, was er ist, ein Scheinwiderspruch.
Wer sucht der findet. Ein gewisser Nadagain hat vor 8 Monaten hier gepostet: „Das eine ist eine SA-Parole, das andere eine Notwendigkeit.“
In meiner politischen Kurzsichtigkeit habe ich mal wieder übersehen, dass das Handeln unserer Regierung von „Notwendigkeiten“ bestimmt wird, also alternativlos ist.
Ganz sicher war auch die Durchsuchung des Hauses von Norbert Bolz „alternativlos“. Wenn wir die Sprache und Wortwahl unserer Intellektuellen nicht überwachen und reinigen von schlechtem Gedankengut, dann droht Wildwuchs und Chaos, dann steigen wir ab aus der Oberliga und landen irgendwann auf dem Bolz-Platz.
Eine Reflexion über Unbestechlichkeit in der Moderne
Das chinesische Wort für Deutschland bedeutet übersetzt: Land der Tugend.
Die sogenannten Deutschen Tugenden, das ist nicht nur Fleiß, nein, auch Wahrhaftigkeit, Mut, Disziplin und insbesondere Unbestechlichkeit führen derzeit — in der Zeitenwende — ein Schattendasein. Verrückt, dass ausgerechnet kriegerische Politiker in ihrer Werbung für Kriegstüchtigkeit die im Grunde zeitlose Attraktivität der Tugenden missbrauchen für ihre geopolitische Agenda, denn diese Politiker sind gerade ein Musterbeispiel für Bestechlichkeit, Verlogenheit und Disziplinlosigkeit. Als die Moderne in den American Way of Life mündete, in „Genuss ohne Reue“, in „Carpe Diem“, in „nach mir die Sintflut“, in „wenn ich’s nicht mache, macht’s ein anderer“, ersetzte in dieser modernen Beliebigkeit fortan der erzielbare Genuss den Schweiß im Angesicht. Nur der Krieg scheint mit Blood, Sweet and Tears die Tugenden zu erzwingen. Das wäre allerdings das größte denkbare Missverständnis. Denn der Krieg ist das Ergebnis von Untugend und bringt jede Untugend zu ihrer äußersten Ausformung.
Ich sag es gleich: Ich bin ein Fäään von Lafontäään. Lafontaine hat damals, bei seiner Kanzlerkandidatur 1990, den Deutschen die Wahrheit über die Kosten des Anschlusses der Ost-Länder gesagt. Das wollte aber niemand hören – sie wollten die „schnelle Mark“. Kohls Wechselkursangebot Eins-zu-Eins hat die Ostdeutschen bestochen und somit indirekt die im Grundgesetz vorgesehene Möglichkeit einer neuen Verfassung, die Lafontaine bevorzugt hätte, zum Scheitern verurteilt. Lafontaine, dessen bundespolitische Laufbahn mit der Verehrung Willy Brandts begann, wäre der Richtige gewesen, die Friedensdividende von Brandts Ostpolitik in unumkehrbare Formen zu gießen. Weil er, wie Brandt, Bestechlichkeit verachtete. Dafür, dass er reinen Wein einschenkte, wurde er bestraft – die 90er wurden zum Parforceritt der neoliberalen Bestechlichkeit.
Die vergessene Kultur der Verehrung
In asiatischen Gesellschaften – ich kenne mich nur mit der indischen und der tibetischen etwas aus – findet man noch so etwas wie die Verehrung der Älteren. Das alleine klingt in den westlichen, aufgeklärten Gesellschaften schon idiotisch, wenn nicht gar zurückgeblieben. Im Gegensatz zu unserer Fan-Kultur, in der wir für Stars jedweder Art, seien es Sportler, Künstler oder Politiker, nur Bewunderung übrig haben, gibt es dort die „Ehre“ noch, die im Westen in der sogenannten Aufklärung auf der Strecke geblieben ist. Bei dem Wort „Ehre“ denken wir an die alten Rittersleute, Duelle, Orden, „Jubelperser“ und die Weltkriege, in denen Ehre und Vaterland zusammen mit Nationalismus und Exzeptionalismus den Boden düngten, auf dem diese Kriege erst möglich wurden.
„Du sollst Vater und Mutter ehren“ – die tiefe Weisheit dieses Ratschlags aus den „Zehn Geboten“ wird hierzulande zusammen mit den christlichen Kirchen auf dem Müllhaufen der Geschichte entsorgt. Dabei hat das Konzept der „Verehrung“ nur positive Aspekte, sowohl für den Verehrten als auch für den Verehrenden. Jede Art von Ehre ist untrennbar mit Tugenden verbunden, die sich in jeder Gesellschaft herausbilden, denn nur wenn ein gewisses Maß an Tugenden in der Gesellschaft blüht und gedeiht, kann sich jedes Mitglied wohlfühlen und hat Lust, in seiner Funktion gedeihlich am Allgemeinwohl mitzuwirken.
Der Verehrende fühlt etwas Heiliges im Angesicht der Weisheit eines Älteren, dessen Vorbild er nachstreben will, weil dieser mit seiner ganzen Person, mit Körper, Sprache und Geist für eine Tradition steht, die das Wohl der Gesellschaft seit Alters her sichert und beschützt. Er sieht sich als Schüler, der vom verehrten Lehrer nicht nur Wissen und Fähigkeiten erwirbt, um im Lebenskampf zu bestehen, sondern auch – und vor allem – eine Weltanschauung, eine Lebensphilosophie, ein Menschenbild, das ihm ermöglichen soll und wird, glückliche Beziehungen zu seinen Mitmenschen aufzunehmen.
Um dieses Gefühl der Verehrung, dieses durch und durch positive Gefühl, aufzubauen, müssen einige Voraussetzungen gegeben sein. Der verehrte Lehrer muss ein guter Mensch sein, das heißt, er muss seinen Egoismus, seinen Narzissmus vollkommen aufgegeben haben, was der Schüler im direkten Umgang jederzeit feststellen kann – der Lehrer antwortet auf Beleidigungen, Schmähungen oder böswillige Schädigungen nicht mit Hass und Selbstbehauptung, sondern agiert geschickt und besänftigend – was dem Schüler nicht nur Bewunderung abnötigt, sondern eben auch das heilige Gefühl der Verehrung aufsteigen lässt.
Der Verehrte muss durch alle menschlichen Höhen und Tiefen gegangen sein, um diese Unerschütterlichkeit zu erreichen. Das Wohl aller Wesen ist ihm höchste Maxime. Er weiß, dass nur diese Haltung auch sein eigenes Lebensglück bedingt und dass er nur dadurch am Ende seines Lebens zufrieden und entspannt die Augen schließen kann. Denn er hat seinen Auftrag erkannt und bestmöglich ausgeführt.
In den genannten asiatischen Gesellschaften ist der „Guru“, zu deutsch „Lehrer“, ein fester Bestandteil des täglichen Umgangs. Die Gesten der Verehrung – „betende Hände“ als Begrüßung (Namaskaar, Namaste), Verbeugung, Niederwerfung – sind nicht Zeichen der Unterwerfung, sondern der Verehrung. Der Guru verbeugt sich ebenfalls, wirft sich genauso nieder wie der Schüler: er hat den göttlichen Ursprung aller Wesen erkannt.
Vom Geistwesen zur Konsummaschine
Was heute als Moral gilt, ist oft nur der Versuch, anderen die eigenen Maßstäbe von Gut und Böse aufzuzwingen. Zwischen einer solchen herrschenden Moral und authentischem Gutsein klafft jedoch ein Abgrund.
Leider muss man sagen, dass auch im ferneren Osten die Grenze zwischen Unterwerfung und Verehrung ins Rutschen, ins Fließen gekommen ist. Es ist schon erstaunlich genug, dass es Gesellschaften gibt, die nur durch Herzensbildung ihrer Mitglieder, fast ohne Zwang, ein friedliches, lustvolles und kreatives Leben ermöglichen – die Versuchung des Egoismus, des Lügens, Stehlens, Intrigierens usw. ist grundsätzlich sehr stark, das weiß jeder, der einmal ein Volks-Theaterstück von Johann Nestroy erlebt hat –, aber seit dem Aufkommen des Materialismus im Zuge der europäischen Aufklärung, die den Menschen nicht mehr als Entdecker und Bewahrer ewiger Werte sieht, die nur durch Entwicklung jener Tugenden bewahrt werden können, sondern als soziale Bedürfnis-Maschine, die gut geölt sein will, gilt die Anfachung und Lenkung des Konsums als Ultima Ratio der politischen Klasse.
Der Mensch ist im materialistischen, naturwissenschaftlich gestützten Weltbild kein Geistwesen mehr, dessen Geist in höchster Selbsterkenntnis ein Spiegel des Heiligen Geistes ist, sondern ein Herdentier, ein Säugetier. Die Elite sieht ihre Aufgabe darin, durch „artgerechte Menschenhaltung“ (s. Franz M. Wuketits 2012) eine gewisse Zufriedenheit der Bevölkerung sicherzustellen. Durch die Unwiderstehlichkeit des „American Way of Life“ in der Globalisierung gilt dies inzwischen nicht nur für die westlichen Völker und ihre Eliten, die durch ungeheuren Fortschritt in Technik und Wissenschaft reich und mächtig geworden sind, sondern auch für tausendjährige Kulturen, deren Stabilität sich auf Einfachheit, Wahrheit, Schönheit gründete, welche unmittelbar ein Ausfluss jener Tugenden war, die die Älteren den Jüngeren, die Lehrer den Schülern, die Wissenden den noch Unwissenden beibrachten.
Die artgerechte Menschenhaltung beruht zuallererst auf Bestechlichkeit. Im Kapitalismus ist vor allem der bestechliche Bürger ein guter Bürger. Aus Sicht des Kapitals ist vor allem der bestechliche Politiker ein guter Politiker. Ist diese Denkweise — Zuckerbrot — allgemein akzeptiert, kann auf die Peitsche verzichtet werden, die behält man für Notfälle, für den Ausnahmezustand, in der Schublade. Die artgerechte Menschenhaltung kann elegant über Geldfluss – Meinungsmanagement, kognitive Kriegführung – gesteuert werden. Diese selbsternannten Eliten, für die Kardinaltugenden Schnee von gestern sind und bestenfalls für Sonntagsreden taugen, definiere ich wie folgt: sie verfügen über Banklizenzen, also das Monopol der Geldschöpfung, und das wird ihnen so leicht kein Habenichts oder Bitcoin-Apologet aus der Hand schlagen.
Lafontaine gegen Fischer: Unbestechlichkeit gegen Opportunismus
Lafontaine war aus einem anderen Holz geschnitzt. Ich erinnere mich lebhaft an seine Fernsehduelle mit Heiner Geißler im Zuge seiner Kanzlerkandidatur 1990. Auch Heiner Geißler war aus einem anderen Holz geschnitzt. Geißler hatte bei den Jesuiten, einem katholischen Elite-Orden, Lafontaine in einer katholischen Klosterschule bzw. dem bischöflichen Cusanuswerk Bestechlichkeit verachten gelernt. Man kann über die Jesuiten sagen, was man will, aber die Kardinaltugenden standen hoch im Kurs. Joschka Fischer hingegen, wie ich Jahrgang 1948, der Lafontaine einmal als den intelligentesten Politiker bezeichnete, dem er je begegnet sei – da war er mit ihm in der Regierungskoalition –, ist für mich das Paradebeispiel für schmierige Bestechlichkeit: in einem Fernseh-Zweiteiler, der den Ehrgeiz hatte, ihm auf den Grund zu gehen, schaffte er es, seine schmierige Bestechlichkeit zuzugeben und gleichzeitig als bewundernswerte Charaktereigenschaft eines „Großen“ auszugeben.
Was die Bestechlichen – ich meine nicht die Erpressten, nicht diejenigen, die sich Unbestechlichkeit schlicht nicht leisten können –, und noch mehr die Lügner und Betrüger, immer unterschätzen, ist, dass ihre intriganten Strategien, von denen sie glauben, dass sie für ihren Erfolg unabdingbar sind, ihr Selbstwertgefühl untergraben. Das Selbstwertgefühl, der Parameter für psychische Gesundheit Nummer eins, geht baden. Jede Lüge schwächt das Selbstwertgefühl, das Selbstvertrauen und das Vertrauen in das Leben schlechthin. Warum sollte ein authentischer Mensch voller Selbstvertrauen lügen? Lediglich das Vertrauen in die eigene diabolische Intelligenz wird gestärkt. In dem Maße, wie das zweite Vertrauen das erste, das auf den Tugenden beruht, ersetzt, entwickelt sich eine narzisstische, manipulative Persönlichkeit, die zwar über hohe Intelligenz verfügen kann – der Schurke im James-Bond-Film ist immer hochintelligent –, aber die Verzweiflung über die eigene Schlechtigkeit, die sich nie ganz verdecken lässt, muss zunehmend durch Machterwerb kompensiert werden. Der Mächtige kann nicht ganz falsch liegen, Gott scheint mit ihm im Bunde zu sein.
Trauma als Schlüssel zum Verständnis
Aber da liegt er ganz falsch. Er ist mit Luzifer im Bunde! Mit Mephisto! Gerade wir Deutsche, denen Goethes Faust in die Wiege gelegt wurde, müssen über Bestechlichkeit noch mal neu nachdenken. Und darüber, ob der Mangel an Selbstachtung, Selbstvertrauen und Vertrauen schlechthin nicht schon viel früher eingesetzt hat. Wie viele von uns wurden schon in der Kindheit durch Lieblosigkeit und Misstrauen traumatisiert? Es handelt sich um eine massenhafte psychische Störung mit Wiederholungszwang. Eine verzerrte, negative Wahrnehmung der sozialen Umwelt ist die Folge. Wenn ich mich beim Lügen und Betrügen ertappe und den anderen, den „Feinden“, die Schuld gebe, sollte ich einen Moment innehalten und mich fragen, ob ich selbst ein Teil des Problems bin.
In der Zeitenwende, in der wir uns befinden, in diesem Epochenbruch, wird es darauf ankommen, wie viele Menschen erkennen, dass in der Krise eine fundamentale Entscheidung gefordert ist: will ich Teil des Problems oder Teil der Lösung sein? Mit jeder Lüge und Selbstlüge zementiere ich mich als Teil des Problems. Habe ich den Mut, mich auch schmerzhaften Wahrheiten zu stellen? Für Schopenhauer war die Neigung des gewöhnlichen Menschen zum Betrug und Selbstbetrug unausrottbar. Aber er kannte die heutige Trauma-Therapie-Forschung nicht.
Teil der Lösung werden
Also: nur Mut! Lasst uns Teil der Lösung sein! Wann immer wir Bestechlichkeit, Betrug, Raffgier, Feindseligkeit begegnen, verstehen wir das als Trauma-Folgen und nehmen es als Herausforderung, unser eigenes Trauma der Ungeliebtheit ad acta zu legen, indem wir der Wahrheit die Ehre geben. Auch wenn sie schmerzlich ist. „Lügen brüten Unheil, Wahrheit macht gesund“! So der Titel eines Kapitels in „The Gift of the Spirit“, Prentice Mulford 1898.
Die narzisstischen Lügengebäude führen in die ausuferndste aller psychischen Krankheiten: die Paranoia. Das charakteristische — und tragische — daran: sie ist eine selbsterfüllende Prophezeiung. Krankhaftes Misstrauen führt zu Handlungen, die Reaktionen provozieren, die wiederum das Misstrauen gerechtfertigt erscheinen lassen. Der Ausgangspunkt ist fehlende Selbstachtung und allgemeines Misstrauen. Das Drama nimmt seinen Lauf. Am Ende bringen sich alle gegenseitig um. Ungezählte Theaterstücke und Krimis, die einen warnend, die anderen lakonisch, schlagen uns damit in ihren Bann. Der erste Schritt als Teil der Lösung wäre, keine Eintrittskarte mehr zu lösen, wenn aus diesem Theaterstück Ernst wird. Wenn nicht mehr mit Platzpatronen geschossen wird. Weil Paranoia ansteckend ist, sollte man sich fernhalten. Ein Meter fünfzig reicht nicht.
Wir sind vielleicht viele, die so denken. Im Ernstfall folgen wir dem Ratschlag Ernst Jüngers und treffen uns im Wald. Dort werden wir uns daran erinnern, dass es einmal Politiker wie Lafontaine gab, die Bestechlichkeit verachteten. Und vielleicht werden wir erkennen, dass nicht er gescheitert ist, sondern eine Zeit, die seine Tugenden nicht zu schätzen wusste. Das ‚Land der Tugend‘ wartet darauf, wiederentdeckt zu werden.
B B B – so beginnt das Alphabet der deutschen Meinungsmache. „Brigitte Bardot bumsen“ hielt ich in jungen Jahren noch für Satire – naive Zeiten, in denen Alliterationen und Fäkalhumor als Gipfel des Witzes galten. Aber spätestens bei Bonn / Baden-Baden / Berlin wird es ernst. Diese drei Städte prangen auf meiner Visitenkarte – berufliche Stationen zwischen Rhein und Spree, zwischen Regierungsvierteln und Medienlandschaften. Genug Zeit und Gelegenheit also, um zu beobachten, wie hier der Kampf um die Deutungshoheit zwischen echten Satirikern und bloßen Giftspritzern tobt.
Das Trio Infernale der deutschen Medienwelt – Bosetti, Böhmermann, Broder – liefert täglich Anschauungsunterricht dafür, wie dünn die Grenze zwischen beißendem Witz und billiger Polemik sein kann. Sarah Bosetti etwa klassifizierte Impfverweigerer kurzerhand als „Blinddarm, der weg kann“. Jan Böhmermann feierte seinen endgültigen Durchbruch mit der poetischen Würdigung des türkischen Präsidenten als „Ziegenficker“. Und Henryk Broder befand über Greta Thunberg: „Eine seelisch gestörte Göre, die von ihren Eltern missbraucht wird.“
Moment mal – ist das noch Satire oder schon Cybermobbing mit Öffentlich-Rechtlichen Sendeplatz?
Die Unterscheidung ist eigentlich simpel: Echte Satiriker betreiben konstruktive Kritik. Sie kontextualisieren, entlarven Manipulationen und halten der Gesellschaft den Spiegel vor – manchmal schmerzhaft, aber immer mit dem Ziel der Aufklärung. Giftspritzer hingegen praktizieren destruktive Kritik. Ihr Handwerk ist die Rufschädigung, ihr Publikum der Mob, ihre Währung der Shitstorm.
Wo Satire zum Nachdenken anregen will, zielt die Giftspritze aufs Niedermachen. Wo Humor Brücken baut, reißt Häme Gräben auf. Wo der Satiriker das System kritisiert, greift der Giftspritzer die Person an.
Das Problem unserer Zeit: Die Grenzen verschwimmen. In einer Gesellschaft, die den Like-Button für ein Argument hält und den Retweet für einen Beleg, mutiert jeder Besserwisser zum Comedian und jeder Comedian zum Tribunal. Das Publikum applaudiert, solange die „richtige“ Seite getroffen wird.
Dabei wäre die Unterscheidung so einfach: Satiriker wollen die Welt verstehen, Giftspritzer wollen sie vernichten. Die einen dekonstruieren Macht, die anderen konstruieren Hass. Satiriker fragen „Warum?“, Giftspritzer schreien „Weg damit!“
Vielleicht sollten wir uns öfter fragen: Lachen wir noch über etwas – oder schon über jemanden? Denn zwischen diesen beiden Präpositionen liegt der ganze Unterschied zwischen Kunst und Kunstfehler.
B B B – am Ende bleibt die Frage: Wer von den Dreien ist Satiriker, wer Giftspritzer? Die Antwort überlassen wir dem geneigten Publikum. Denn nichts ist demokratischer als das Recht auf die eigene Meinung – und nichts gefährlicher als das Recht auf die eigene Wahrheit.
Wir leben in einer Zeit der erleuchteten Dummheit – LED-bestrahlt, moralisch aufgeladen, aber ohne Verstand. Wer glaubt, mit E-Autos und Alu-Partikeln die Welt zu retten, irrt nicht nur – er zerstört blind das, was er retten will. Dieser Text ist ein Aufruf an die letzten Zweifler, an die Denker im Nebel des kollektiven Wahns. Wer ihn liest, wird sich fragen: Bin ich Teil der Lösung – oder Teil des Problems?
Niemand will ein schlechter Mensch sein.
Doch wie viele wagen es, die Konsequenzen ihres Handelns wirklich zu durchdenken?
Die meisten halten sich für gut – weil sie brav mitmachen. Weil sie glauben, was alle glauben. Weil sie LED-Lampen benutzen und einen SUV mit E-Kennzeichen fahren. Weil sie brav Maske getragen, sich impfen lassen, ukrainische Fahnen gepostet und CO₂-neutralen Hafermilch-Cappuccino getrunken haben. All ihre Fahrzeuge fahren jetzt auch bei Sonnenschein mit LED Festbeleuchtung.
Doch Gutsein ist kein Gefühl. Gutsein misst sich an Wirkung. Und die Wirkung dieser selbstgerechten Masse ist verheerend.
Wir sind umgeben von einer Religion des Fortschritts, in der „Klimaschutz“ ein Glaubensbekenntnis ist – kein Konzept, keine Diskussion. Zweifel gilt als Ketzerei. Wer fragt, wird verfolgt. Wer nachrechnet, wird beschimpft.
Die heilige LED? Produziert unter Bedingungen, die CO₂ in Größenordnungen ausstoßen, die jede Glühbirne erblassen lassen.
Der neue Stromer? Batterien, deren Fertigung gewaltige Mengen Ressourcen und Energie verschlingt – und das CO₂-Konto über Jahre ins Minus reißt.
Der saubere Umbau der Infrastruktur? Ein kolossaler CO₂-Ausstoß, über den niemand spricht.
Wirklich niemand rechnet das durch. Warum auch? Zweifel ist verdächtig. Kritik ist rechts. Skepsis ist asozial.
Und wer skeptisch fragt, ob nicht vielleicht das Artensterben – verursacht durch systematische Umweltvergiftung – das eigentlich größere Problem ist, bekommt dieselbe Antwort: „Du störst. Halt den Mund.“
Mikroplastik? Reifenabrieb? Nanopartikel, die sich durch Plazenta und Blut-Hirn-Schranke fräsen? – Kein Thema.
Stattdessen: Klima. Klima. Klima.
Und da beginnt das wirklich Groteske. Da stehen sie – die Festbeleuchteten –, überzeugt, das Richtige zu tun. Sie halten ihre Lichter für Aufklärung, doch sie strahlen nichts als Ignoranz. Sie vertreiben den Teufel mit Licht, wie im Mittelalter. Nur dass der Teufel heute Zweifel heißt.
Und dann kommt der große Wurf: Geoengineering. Aluminium in der Atmosphäre. Sonne dimmen. Welt retten.
Manche munkeln, es gehe gar nicht mehr ums Retten, sondern ums Reduzieren – auf zwei Milliarden. Eine Menschheitsdiät im industriellen Maßstab. Absurd? Vielleicht. Aber wer garantiert, dass es nicht längst läuft?
Wer profitiert? Wer baut die Alu-Fabriken? Wer glaubt, mit dem Klima zaubern zu können, ohne zum Zauberlehrling zu werden?
Und wer leidet? Immer die Gleichen. Die Vielen. Die ganz normalen, liebevollen, hoffnungsvollen Menschen, die einfach in Ruhe leben wollen. Sie zahlen den Preis. Mit Einsamkeit. Mit Krankheit. Mit Verzweiflung.
Und was tun wir? Nichts. Wir glauben weiter, was alle glauben. Weil alle es glauben. Die Medien sagen es. Die Experten sagen es. Die Regierung sagt es.
Das ist nicht Dummheit. Das ist kollektive Regression. Eine Massenverblödung mit Zertifikat. Und niemand merkt’s. Denn gute Propaganda ist unsichtbar. Schlechte erkennt man. Gute funktioniert.
Was bleibt?
Ein kleiner Rest, der nicht mitspringt, wenn alle in den Bach springen.