Z E I T E N E N D E

Schlagwort: Frieden

Barbarei und Zivilisation


Mit dieser Sichtweise sind wir in der Barbarei. Punkt.

In der Barbarei gilt das Recht des Stärkeren. Bestenfalls noch „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ — ein immerhin kluger Satz, weil er die starke Tendenz zur Eskalation zu bremsen versucht. Aber auch diese Logik setzt voraus: Sobald ich dich in eine Lage bringen kann, in der nur ich schießen kann und du nicht, kann ich dich zu jeder beliebigen Handlung zwingen. Man geht eben davon aus, dass für jedes Lebewesen der Erhalt seines Lebens den höchsten Wert darstellt. Die Androhung von Mord und der Mord selbst gelten so als normale Mittel des Interessenausgleichs. Wir sind in der Weltpolitik schon immer in einer solchen Form unterwegs gewesen — wir ähneln darin eher den Schimpansen, weniger den Bonobos.

„Ich muss Dich wehrlos machen – weil Du böse bist!“ dieser Satz ist eine selbsterfüllende Prophezeiung (der andere wird sofort böse) — und als solche ist diese Barbarei verwandt mit der klinischen Paranoia: Krankhaftes Misstrauen führt zu Handlungen, die Reaktionen provozieren, die wiederum das Misstrauen gerechtfertigt erscheinen lassen. Der Ausgangspunkt ist Angst, das Ergebnis ist die Bestätigung der Angst — und der nächste Schritt ist zwangsläufig mehr Gewalt. Wer in dieser Denkweise gefangen ist, kann gar nicht anders, als sie zu bestätigen. So wie der Duellant im amerikanischen Western, der zuerst schießen muss, weil er davon ausgeht, dass der andere zuerst schießen wird — und damit exakt das erzwingt, was er befürchtet hat.

Die Barbarei hält sich also nicht trotz ihrer Irrationalität am Leben, sondern wegen ihr: Sie produziert unaufhörlich die Beweise für ihre eigene Notwendigkeit.

Zivilisation bedeutet, dieses fatale Muster zu erkennen, als eine Art Geisteskrankheit — und, zunächst bei sich selbst, ihm nicht mehr zu folgen. Rein rational betrachtet ist diese Barbarei für alle Beteiligten eine Katastrophe. Auch der Mafiaboss, der alle Konkurrenten ausgeschaltet hat, kann am Ende nicht glücklich sein. Zufrieden vielleicht — aber Glück ist etwas anderes. Der Sinn des Lebens besteht mindestens darin, glücklich zu werden. Und mörderische Gewalt unterstützt dieses Ziel in keinster Weise.

Die Zivilisation begann, als zwei Bauern in einem Grenzstreit nicht den Nachbarn umgebracht haben, um das ganze Land an sich zu reißen — sondern sich auf einen unparteiischen Schiedsrichter geeinigt und sich verpflichtet haben, dessen Urteil anzuerkennen. Das ist der Ursprung des Rechtsstaates. Und es ist das Programm der gesamten zivilisatorischen Geschichte: dieses Prinzip von der Nachbarschaftsgrenze auf die Weltebene auszuweiten. Der bisher ambitionierteste Versuch war die UNO und das Völkerrecht.

Heute schert sich keine Konfliktpartei mehr um dieses Völkerrecht. Deutschland hat 1999 maßgeblich daran mitgewirkt, als es sich an vorderster Stelle an dem Angriffskrieg auf Serbien beteiligte — ohne ein UN-Mandat für nötig zu halten. Elf Wochen Bombardement. Diese Erosion des Völkerrechts haben wir in erster Linie der amerikanischen Wildwest-Mentalität zu verdanken, die grundsätzlich davon ausgeht: Macht kommt aus dem Gewehrlauf, wenn sie nicht aus dem Geldbeutel kommt.

Man dachte einmal — nach Hiroshima, nach dem Ende des Kalten Krieges —, die Atombombe und die Pax Americana würden das Ende der Geschichte einläuten, das Ende der großen Kriege. Das Gegenteil ist eingetreten. Der Grund: Die verantwortlichen Politiker waren nicht in der Lage, sich darauf zu verständigen, dass das Rechtssystem der UNO den höchsten Wert darstellt, den es zu verteidigen gilt. Denn wer das Völkerrecht situativ instrumentalisiert — mal als Legitimationsressource, mal als lästiges Hindernis —, zerstört genau den Mechanismus, der Konflikteskalation begrenzen könnte.

Eskalation folgt ihrer eigenen Schwerkraft: Ist erst einmal Gewalt angewendet worden, wird die Rückkehr zu friedlicheren Zuständen mit jeder weiteren Stufe schwieriger. Siehe Friedrich Glasl, Konflikteskalation. Kriege enden daher so oft erst dann, wenn es schlicht niemanden mehr gibt, der bereit oder in der Lage ist, weiterzukämpfen.

Das ist keine Realpolitik. Das ist Wahnsinn. Das ist organisierte Barbarei — und genau die selbsterfüllende Prophezeiung, die wir durchschauen müssen, wenn wir sie je überwinden wollen.

4–6 Minuten

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Wenn wir machen, was Menschen normalerweise machen, wenn sie in einen Krieg schliddern, dann schlittern wir in einen Krieg.

Wie entstehen Kriege? Und was können wir tun, um sie zu vermeiden? Diese Fragen beschäftigen die Menschheit seit Jahrtausenden. Der folgende Essay, geschrieben im Herbst 2022 vor dem Hintergrund des Ukraine-Kriegs, versucht eine unkonventionelle Antwort – fernab der üblichen politischen Lager und ihrer Gewissheiten.

Wir sollten vor allem Hass und Dummheit vermeiden oder besser überwinden. Wir müssen uns überwinden, die Lage mal aus der Perspektive des Feindes zu betrachten. Überrascht werden wir feststellen, dass er in den gleichen Kategorien denkt wie wir: Besitzstandswahrung, Prosperität, Stolz, Selbstachtung, Solidarität mit Seinesgleichen. Beim Verhandeln versucht er, seine Pfunde möglichst geschickt zum Einsatz zu bringen. Wenn er Krieg führt, dann nicht weil er böse ist oder böse geworden ist, sondern weil sein Kontrahent böse geworden ist und dadurch zum Feind, der nur noch die Sprache der Waffen, die Sprache der mörderischen Gewalt versteht.

Wie kommt es dazu? Wo doch so viel Mühe von beiden Seiten darauf verwendet wurde, die divergierenden Interessen in und durch Vertragswerke so auszuhandeln, dass keiner sich über den Tisch gezogen fühlt, so dass der natürliche gegenseitige Respekt erhalten bleibt. Es wäre klug, sich an unterschriebene Verträge zu halten, dann können nämlich alle Seiten prosperieren. Das nennt man Zivilisation. Leider ist das nur ein warmer Mantel, unter dem der alte wilde Barbar haust, der zuvorderst in Machtkategorien denkt. Die Macht kommt aus dem Geldbeutel oder dem Gewehrlauf. Und von Gott. Denn wenn einer mächtiger geworden ist als andere, vielleicht sogar mächtiger als alle anderen, glaubt er sich mit Gott im Bunde, sein Wille geschehe, denn es ist auch der Wille des Herrn, und der konfligierende Wille des Vertragspartners ist nur lästig, und wenn er bei meinen kleineren Vertragsverletzungen und gebrochenen Versprechungen aufschreit, sogar teuflisch. Logisch!

Hier kann erwähnt werden, dass die USA, ein bibelfestes, christlich fundamentalistisches Land, mit einem Militärhaushalt, so groß wie der der 10 nächst-größten Länder, einschließlich Russland, es sich herausnimmt, jeden Vertrag nach Belieben zu brechen. Das wirkt extrem ansteckend auf die enttäuschten Vertragspartner, sie können aber der Supermacht keinen Paroli bieten. Diese Weltordnung, die jetzt zu Ende geht, nannte man Pax Amerikana, ein unerhörter Euphemismus angesichts von Dutzenden Angriffskriegen und vom CIA gemanagten „Regime Changes“ – man sollte besser von War Amerikana sprechen. (Mein Spielzeug-Colt als Kind trug die Aufschrift „PEACEMAKER“ – „War-Maker“ wäre ehrlicher gewesen). The Land of the Free, God’s own Country ist so außergewöhnlich toll, dass all diesen zurückgebliebenen Kulturen dort draußen nichts besseres passieren kann, als der American Way of Life. Die widerspenstigen Völker, die an ihren lächerlichen Traditionen hängen, kann man durch konsequente und konsistente, kurz- und langfristig angelegte Personalpolitik von oben und gelegentliche disruptive Technologiesprünge, begleitet von unbefristetem Dumping der amerikanischen Finanz- und Plattformkonzerne, den Zahn ziehen, zu ihrem „Glück“ zwingen.

Diese Sichtweise wird im sog. Westen als antiamerikanisch, in der Steigerung als „krankhaften Hass auf Amerika“ geschmäht, leider schaffe ich es nicht, die USA und ihre korrupten Propagandisten, die unverhohlen einen Krieg gegen die Atommacht Russland vorbereiten, als „God’s own Country“ anzusehen. Da bin ich in guter Gesellschaft. Wer mal in Mittelamerika, Südamerika, Afrika oder Asien gereist ist, sich mal vom Hotelpool entfernt und unter die Leute gemischt hat, mit ihnen geredet hat, dem könnte dämmern, warum bei uns bald die Lichter ausgehen. Götterdämmerung! Gute Nacht!


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