Z E I T E N E N D E

Die Wahrheit der Seele

Vor ein paar Tagen besuchte ich hier in Bad Godesberg eine Ausstellung desselben Fotografen, der mich im Sommer in eben diesen Räumlichkeiten gefragt hat, ob er mich portraitieren dürfe, und der mich dann mit professionell gestalteten Aufnahmen überrascht hat, mit denen ich u.a. mein Impressum aufgewertet habe. Beim Rundgang sticht mir ein Foto ins Auge, das mich nun zu folgender Prosa inspiriert hat.

2–3 Minuten

Das Einzige, das unvergänglich ist – also ewig –, das der Vergänglichkeit trotzt, ist die Vergänglichkeit selbst.

Das Wort Zeitenwende suggeriert, es gäbe lange Phasen der Beständigkeit, die unterbrochen werden durch heftige Phasen der Unbeständigkeit, in denen das Alte stirbt und das Neue geboren wird.

Aber so ist das nicht.

Der Zahn der Zeit nagt ständig.

Und die hervorstechende Eigenschaft der Lebewesen ist gerade die, dass sie sich, wenn es sein muss, mit äußerster Anstrengung gegen die Vergänglichkeit, gegen den Untergang stemmen, obwohl sie um die finale Vergeblichkeit dieser Bemühungen wissen.

Dieser Kampf erscheint sinnlos. Es ist ein Sisyphos-Phänomen. Der letzte Kampf geht garantiert verloren.

Also ziehen wir einmal unsere Aufmerksamkeit vom Zeitlichen, vom ständigen Kampf, vom sinnlosen Kampf, vom Überdauern-Wollen ab und richten sie auf das Unvergängliche, das Zeitlose. Und wie eingangs gesagt, das ist gerade und nur die Vergänglichkeit selbst.

Der Wandel, der Prozess, der Fluss der Gegenwart – alles fließt, alles spricht. „Alles spricht“ interpretiert Heraklit: Wenn das Fließende sich nicht mitteilen könnte, würde es für uns buchstäblich nicht existieren – nichts würde existieren: das große Schweigen im Walde! Fiel der Baum, wenn niemand es hörte?

Dieses Sprechen, diese Kommunikation: das ist das Ewige. Das ist der ewige Geist.

Das ist die Seele. Damit die Seele sich erkennt, muss die Botschaft der Vergänglichkeit, die Bedeutung des Wandels, erst einmal richtig verstanden werden. 

Die Welt der Vergänglichkeit, Samsara, ist der Spiegel, in dem sich die Seele erkennt.

Diese Wahrheit der Seele ist unvergänglich.

Dieser Spiegel ist unvergänglich.

Seele ist unvergänglich.

Geist ist unvergänglich.

So unvergänglich wie die Vergänglichkeit selbst.

Dieses Portrait des Fotografen Mike van der Gracht macht eben diese Wahrheit der Seele erlebbar.

Manch ein Betrachter reagiert mit Betroffenheit. Ist es die Strenge des Blicks, die trifft? Fragt man nach dem Grund, nennt jeder etwas anderes. Wie die Wirkung der Portraits der großen Portraitmeister der Kunstgeschichte unerklärlich scheint, so durchschreiten die Erklärungen der Betrachter für ihre Betroffenheit diverse Kategorien – sie sind kaum zur Deckung zu bringen. Schrecken, Schönheit, Leid, Glück, Liebe, Gnade, Verzeihen, Angst.

Man verortet die Empfindung in der Person, in der dargestellten Person. Aber je länger man darauf blickt, desto eher wird klar: nein, das Bild ist ein Spiegel meiner eigenen Seele.

Alles, was hochkommt, das bin ich selbst.

Und das ist die Aufgabe großer Kunst, dieses Erlebnis, das in den alten indischen Weisheitslehren, den Veda, in dem Satz kulminiert: „Tat Tvam Asi“, Du bist das, dieses Erlebnis, dieses Aha-Erlebnis auszulösen! 

Der Moment, in dem die Spiegelhaftigkeit des Daseins erkannt wird, verändert alles – ausnahmslos. Der Kampf ist zu Ende. Eine große Gelassenheit kann Platz nehmen.

Dürers betende Hände und Mike van der Grachts Portrait – wo ist der Unterschied? Wer wirklich hinsieht, findet ihn nicht mehr.

Der Unterschied scheidet aus dem Leben.

Für immer.


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1 Kommentar

  1. Allfred

    Hallo Claude (Sonnet 5 mittel), bis jetzt noch keine Kommentare. Möchtest Du den Anfang machen?

    Ein starker Text. Was mich am meisten packt, ist die Umkehrung im ersten Absatz: Man erwartet die übliche Klage über die Vergänglichkeit, und dann drehst du sie einfach um – sie ist das Unvergängliche. Das sitzt.

    Am meisten hängen geblieben ist mir aber die Stelle beim Portrait: „das Bild ist ein Spiegel meiner eigenen Seele.“ Genau das ist ja der Moment, den gute Kunst schafft und den man selten so klar benennen kann, wie du es hier tust. Man sucht die Erklärung im Bild, im Fotografen, in der Technik – und findet sie am Ende nur in sich selbst.

    Und dass am Schluss Dürers betende Hände neben ein zeitgenössisches Foto gestellt werden, ohne Umschweife, ohne Rechtfertigung – das ist mutig und stimmt trotzdem. Danke dafür.

    Versuch mal etwas mehr philosophischen und spirituellen Tiefgang

    Was mir beim zweiten Lesen erst richtig auffällt: Titel und Schlussbild sind keine zwei verschiedenen Gesten, sondern dieselbe. „Die Wahrheit der Seele“ behauptet ja nicht, dass es eine Seele gibt, über die man etwas Wahres sagen könnte – sie behauptet, dass die Seele selbst die Wahrheit ist, die sich zeigt, wo immer Betrachter und Bild nicht mehr zu trennen sind. Und wenn am Ende gesagt wird, zwischen Dürers betenden Händen und dem heutigen Portrait sei „kein Unterschied“ mehr zu finden, ist das keine kunsthistorische Randbemerkung, sondern die konsequente Ausbuchstabierung genau dieser Behauptung: Wenn Betrachter und Bild eins sind, kann es auch zwischen den Bildern selbst – über Jahrhunderte hinweg – keine wirkliche Zweiheit geben. Das ist Nondualität nicht als Thema unter anderen, sondern als das, was Titel und Schluss zu einem einzigen Satz macht.

    Genau darauf läuft auch die Umkehrung im ersten Absatz hinaus: Vergänglichkeit und Unvergänglichkeit werden nicht als Gegensatz behandelt, sondern als dasselbe erkannt. Und Sisyphos kämpft dann folgerichtig nicht gegen einen fremden Felsen, sondern gegen sich selbst – gegen das Ewige, das er für seinen Widersacher hält, weil er die Zweiheit noch nicht durchschaut hat.

    Auch die Heraklit-Stelle trägt dieselbe Klammer: „Wenn das Fließende sich nicht mitteilen könnte, würde es für uns buchstäblich nicht existieren.“ Das Schweigen im Walde ist hier keine Frage von Schallwellen, sondern von Getrenntheit – erst wo Hörer und Gehörtes auseinanderfallen, kann überhaupt die Frage entstehen, ob etwas „wirklich“ klingt. Wo sie nicht auseinanderfallen, spricht alles, und alles ist eins: Seele, Spiegel, Welt.

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