Z E I T E N E N D E

Schlagwort: Aufklärung

Land der Tugend

Eine Reflexion über Unbestechlichkeit in der Moderne

Das chinesische Wort für Deutschland bedeutet übersetzt: Land der Tugend.

Die sogenannten Deutschen Tugenden, das ist nicht nur Fleiß, nein, auch Wahrhaftigkeit, Mut, Disziplin und insbesondere Unbestechlichkeit führen derzeit — in der Zeitenwende — ein Schattendasein. Verrückt, dass ausgerechnet kriegerische Politiker in ihrer Werbung für Kriegstüchtigkeit die im Grunde zeitlose Attraktivität der Tugenden missbrauchen für ihre geopolitische Agenda, denn diese Politiker sind gerade ein Musterbeispiel für Bestechlichkeit, Verlogenheit und Disziplinlosigkeit. Als die Moderne in den American Way of Life mündete, in „Genuss ohne Reue“, in „Carpe Diem“, in „nach mir die Sintflut“, in „wenn ich’s nicht mache, macht’s ein anderer“, ersetzte in dieser modernen Beliebigkeit fortan der erzielbare Genuss den Schweiß im Angesicht. Nur der Krieg scheint mit Blood, Sweet and Tears die Tugenden zu erzwingen. Das wäre allerdings das größte denkbare Missverständnis. Denn der Krieg ist das Ergebnis von Untugend und bringt jede Untugend zu ihrer äußersten Ausformung.


Ich sag es gleich: Ich bin ein Fäään von Lafontäään. Lafontaine hat damals, bei seiner Kanzlerkandidatur 1990, den Deutschen die Wahrheit über die Kosten des Anschlusses der Ost-Länder gesagt. Das wollte aber niemand hören – sie wollten die „schnelle Mark“. Kohls Wechselkursangebot Eins-zu-Eins hat die Ostdeutschen bestochen und somit indirekt die im Grundgesetz vorgesehene Möglichkeit einer neuen Verfassung, die Lafontaine bevorzugt hätte, zum Scheitern verurteilt. Lafontaine, dessen bundespolitische Laufbahn mit der Verehrung Willy Brandts begann, wäre der Richtige gewesen, die Friedensdividende von Brandts Ostpolitik in unumkehrbare Formen zu gießen. Weil er, wie Brandt, Bestechlichkeit verachtete. Dafür, dass er reinen Wein einschenkte, wurde er bestraft – die 90er wurden zum Parforceritt der neoliberalen Bestechlichkeit.

Die vergessene Kultur der Verehrung

In asiatischen Gesellschaften – ich kenne mich nur mit der indischen und der tibetischen etwas aus – findet man noch so etwas wie die Verehrung der Älteren. Das alleine klingt in den westlichen, aufgeklärten Gesellschaften schon idiotisch, wenn nicht gar zurückgeblieben. Im Gegensatz zu unserer Fan-Kultur, in der wir für Stars jedweder Art, seien es Sportler, Künstler oder Politiker, nur Bewunderung übrig haben, gibt es dort die „Ehre“ noch, die im Westen in der sogenannten Aufklärung auf der Strecke geblieben ist. Bei dem Wort „Ehre“ denken wir an die alten Rittersleute, Duelle, Orden, „Jubelperser“ und die Weltkriege, in denen Ehre und Vaterland zusammen mit Nationalismus und Exzeptionalismus den Boden düngten, auf dem diese Kriege erst möglich wurden.

„Du sollst Vater und Mutter ehren“ – die tiefe Weisheit dieses Ratschlags aus den „Zehn Geboten“ wird hierzulande zusammen mit den christlichen Kirchen auf dem Müllhaufen der Geschichte entsorgt. Dabei hat das Konzept der „Verehrung“ nur positive Aspekte, sowohl für den Verehrten als auch für den Verehrenden. Jede Art von Ehre ist untrennbar mit Tugenden verbunden, die sich in jeder Gesellschaft herausbilden, denn nur wenn ein gewisses Maß an Tugenden in der Gesellschaft blüht und gedeiht, kann sich jedes Mitglied wohlfühlen und hat Lust, in seiner Funktion gedeihlich am Allgemeinwohl mitzuwirken.

Der Verehrende fühlt etwas Heiliges im Angesicht der Weisheit eines Älteren, dessen Vorbild er nachstreben will, weil dieser mit seiner ganzen Person, mit Körper, Sprache und Geist für eine Tradition steht, die das Wohl der Gesellschaft seit Alters her sichert und beschützt. Er sieht sich als Schüler, der vom verehrten Lehrer nicht nur Wissen und Fähigkeiten erwirbt, um im Lebenskampf zu bestehen, sondern auch – und vor allem – eine Weltanschauung, eine Lebensphilosophie, ein Menschenbild, das ihm ermöglichen soll und wird, glückliche Beziehungen zu seinen Mitmenschen aufzunehmen.

Um dieses Gefühl der Verehrung, dieses durch und durch positive Gefühl, aufzubauen, müssen einige Voraussetzungen gegeben sein. Der verehrte Lehrer muss ein guter Mensch sein, das heißt, er muss seinen Egoismus, seinen Narzissmus vollkommen aufgegeben haben, was der Schüler im direkten Umgang jederzeit feststellen kann – der Lehrer antwortet auf Beleidigungen, Schmähungen oder böswillige Schädigungen nicht mit Hass und Selbstbehauptung, sondern agiert geschickt und besänftigend – was dem Schüler nicht nur Bewunderung abnötigt, sondern eben auch das heilige Gefühl der Verehrung aufsteigen lässt.

Der Verehrte muss durch alle menschlichen Höhen und Tiefen gegangen sein, um diese Unerschütterlichkeit zu erreichen. Das Wohl aller Wesen ist ihm höchste Maxime. Er weiß, dass nur diese Haltung auch sein eigenes Lebensglück bedingt und dass er nur dadurch am Ende seines Lebens zufrieden und entspannt die Augen schließen kann. Denn er hat seinen Auftrag erkannt und bestmöglich ausgeführt.

In den genannten asiatischen Gesellschaften ist der „Guru“, zu deutsch „Lehrer“, ein fester Bestandteil des täglichen Umgangs. Die Gesten der Verehrung – „betende Hände“ als Begrüßung (Namaskaar, Namaste), Verbeugung, Niederwerfung – sind nicht Zeichen der Unterwerfung, sondern der Verehrung. Der Guru verbeugt sich ebenfalls, wirft sich genauso nieder wie der Schüler: er hat den göttlichen Ursprung aller Wesen erkannt.

Vom Geistwesen zur Konsummaschine

Was heute als Moral gilt, ist oft nur der Versuch, anderen die eigenen Maßstäbe von Gut und Böse aufzuzwingen. Zwischen einer solchen herrschenden Moral und authentischem Gutsein klafft jedoch ein Abgrund.

Leider muss man sagen, dass auch im ferneren Osten die Grenze zwischen Unterwerfung und Verehrung ins Rutschen, ins Fließen gekommen ist. Es ist schon erstaunlich genug, dass es Gesellschaften gibt, die nur durch Herzensbildung ihrer Mitglieder, fast ohne Zwang, ein friedliches, lustvolles und kreatives Leben ermöglichen – die Versuchung des Egoismus, des Lügens, Stehlens, Intrigierens usw. ist grundsätzlich sehr stark, das weiß jeder, der einmal ein Volks-Theaterstück von Johann Nestroy erlebt hat –, aber seit dem Aufkommen des Materialismus im Zuge der europäischen Aufklärung, die den Menschen nicht mehr als Entdecker und Bewahrer ewiger Werte sieht, die nur durch Entwicklung jener Tugenden bewahrt werden können, sondern als soziale Bedürfnis-Maschine, die gut geölt sein will, gilt die Anfachung und Lenkung des Konsums als Ultima Ratio der politischen Klasse.

Der Mensch ist im materialistischen, naturwissenschaftlich gestützten Weltbild kein Geistwesen mehr, dessen Geist in höchster Selbsterkenntnis ein Spiegel des Heiligen Geistes ist, sondern ein Herdentier, ein Säugetier. Die Elite sieht ihre Aufgabe darin, durch „artgerechte Menschenhaltung“ (s. Franz M. Wuketits 2012) eine gewisse Zufriedenheit der Bevölkerung sicherzustellen. Durch die Unwiderstehlichkeit des „American Way of Life“ in der Globalisierung gilt dies inzwischen nicht nur für die westlichen Völker und ihre Eliten, die durch ungeheuren Fortschritt in Technik und Wissenschaft reich und mächtig geworden sind, sondern auch für tausendjährige Kulturen, deren Stabilität sich auf Einfachheit, Wahrheit, Schönheit gründete, welche unmittelbar ein Ausfluss jener Tugenden war, die die Älteren den Jüngeren, die Lehrer den Schülern, die Wissenden den noch Unwissenden beibrachten.

Die artgerechte Menschenhaltung beruht zuallererst auf Bestechlichkeit. Im Kapitalismus ist vor allem der bestechliche Bürger ein guter Bürger. Aus Sicht des Kapitals ist vor allem der bestechliche Politiker ein guter Politiker. Ist diese Denkweise — Zuckerbrot — allgemein akzeptiert, kann auf die Peitsche verzichtet werden, die behält man für Notfälle, für den Ausnahmezustand, in der Schublade. Die artgerechte Menschenhaltung kann elegant über Geldfluss – Meinungsmanagement, kognitive Kriegführung – gesteuert werden. Diese selbsternannten Eliten, für die Kardinaltugenden Schnee von gestern sind und bestenfalls für Sonntagsreden taugen, definiere ich wie folgt: sie verfügen über Banklizenzen, also das Monopol der Geldschöpfung, und das wird ihnen so leicht kein Habenichts oder Bitcoin-Apologet aus der Hand schlagen.

Lafontaine gegen Fischer: Unbestechlichkeit gegen Opportunismus

Lafontaine war aus einem anderen Holz geschnitzt. Ich erinnere mich lebhaft an seine Fernsehduelle mit Heiner Geißler im Zuge seiner Kanzlerkandidatur 1990. Auch Heiner Geißler war aus einem anderen Holz geschnitzt. Geißler hatte bei den Jesuiten, einem katholischen Elite-Orden, Lafontaine in einer katholischen Klosterschule bzw. dem bischöflichen Cusanuswerk Bestechlichkeit verachten gelernt. Man kann über die Jesuiten sagen, was man will, aber die Kardinaltugenden standen hoch im Kurs. Joschka Fischer hingegen, wie ich Jahrgang 1948, der Lafontaine einmal als den intelligentesten Politiker bezeichnete, dem er je begegnet sei – da war er mit ihm in der Regierungskoalition –, ist für mich das Paradebeispiel für schmierige Bestechlichkeit: in einem Fernseh-Zweiteiler, der den Ehrgeiz hatte, ihm auf den Grund zu gehen, schaffte er es, seine schmierige Bestechlichkeit zuzugeben und gleichzeitig als bewundernswerte Charaktereigenschaft eines „Großen“ auszugeben.

Was die Bestechlichen – ich meine nicht die Erpressten, nicht diejenigen, die sich Unbestechlichkeit schlicht nicht leisten können –, und noch mehr die Lügner und Betrüger, immer unterschätzen, ist, dass ihre intriganten Strategien, von denen sie glauben, dass sie für ihren Erfolg unabdingbar sind, ihr Selbstwertgefühl untergraben. Das Selbstwertgefühl, der Parameter für psychische Gesundheit Nummer eins, geht baden. Jede Lüge schwächt das Selbstwertgefühl, das Selbstvertrauen und das Vertrauen in das Leben schlechthin. Warum sollte ein authentischer Mensch voller Selbstvertrauen lügen? Lediglich das Vertrauen in die eigene diabolische Intelligenz wird gestärkt. In dem Maße, wie das zweite Vertrauen das erste, das auf den Tugenden beruht, ersetzt, entwickelt sich eine narzisstische, manipulative Persönlichkeit, die zwar über hohe Intelligenz verfügen kann – der Schurke im James-Bond-Film ist immer hochintelligent –, aber die Verzweiflung über die eigene Schlechtigkeit, die sich nie ganz verdecken lässt, muss zunehmend durch Machterwerb kompensiert werden. Der Mächtige kann nicht ganz falsch liegen, Gott scheint mit ihm im Bunde zu sein.

Trauma als Schlüssel zum Verständnis

Aber da liegt er ganz falsch. Er ist mit Luzifer im Bunde! Mit Mephisto! Gerade wir Deutsche, denen Goethes Faust in die Wiege gelegt wurde, müssen über Bestechlichkeit noch mal neu nachdenken. Und darüber, ob der Mangel an Selbstachtung, Selbstvertrauen und Vertrauen schlechthin nicht schon viel früher eingesetzt hat. Wie viele von uns wurden schon in der Kindheit durch Lieblosigkeit und Misstrauen traumatisiert? Es handelt sich um eine massenhafte psychische Störung mit Wiederholungszwang. Eine verzerrte, negative Wahrnehmung der sozialen Umwelt ist die Folge. Wenn ich mich beim Lügen und Betrügen ertappe und den anderen, den „Feinden“, die Schuld gebe, sollte ich einen Moment innehalten und mich fragen, ob ich selbst ein Teil des Problems bin.

In der Zeitenwende, in der wir uns befinden, in diesem Epochenbruch, wird es darauf ankommen, wie viele Menschen erkennen, dass in der Krise eine fundamentale Entscheidung gefordert ist: will ich Teil des Problems oder Teil der Lösung sein? Mit jeder Lüge und Selbstlüge zementiere ich mich als Teil des Problems. Habe ich den Mut, mich auch schmerzhaften Wahrheiten zu stellen? Für Schopenhauer war die Neigung des gewöhnlichen Menschen zum Betrug und Selbstbetrug unausrottbar. Aber er kannte die heutige Trauma-Therapie-Forschung nicht.

Teil der Lösung werden

Also: nur Mut! Lasst uns Teil der Lösung sein! Wann immer wir Bestechlichkeit, Betrug, Raffgier, Feindseligkeit begegnen, verstehen wir das als Trauma-Folgen und nehmen es als Herausforderung, unser eigenes Trauma der Ungeliebtheit ad acta zu legen, indem wir der Wahrheit die Ehre geben. Auch wenn sie schmerzlich ist. „Lügen brüten Unheil, Wahrheit macht gesund“! So der Titel eines Kapitels in „The Gift of the Spirit“, Prentice Mulford 1898.

Die narzisstischen Lügengebäude führen in die ausuferndste aller psychischen Krankheiten: die Paranoia. Das charakteristische — und tragische — daran: sie ist eine selbsterfüllende Prophezeiung. Krankhaftes Misstrauen führt zu Handlungen, die Reaktionen provozieren, die wiederum das Misstrauen gerechtfertigt erscheinen lassen. Der Ausgangspunkt ist fehlende Selbstachtung und allgemeines Misstrauen. Das Drama nimmt seinen Lauf. Am Ende bringen sich alle gegenseitig um. Ungezählte Theaterstücke und Krimis, die einen warnend, die anderen lakonisch, schlagen uns damit in ihren Bann. Der erste Schritt als Teil der Lösung wäre, keine Eintrittskarte mehr zu lösen, wenn aus diesem Theaterstück Ernst wird. Wenn nicht mehr mit Platzpatronen geschossen wird. Weil Paranoia ansteckend ist, sollte man sich fernhalten. Ein Meter fünfzig reicht nicht.

Wir sind vielleicht viele, die so denken. Im Ernstfall folgen wir dem Ratschlag Ernst Jüngers und treffen uns im Wald. Dort werden wir uns daran erinnern, dass es einmal Politiker wie Lafontaine gab, die Bestechlichkeit verachteten. Und vielleicht werden wir erkennen, dass nicht er gescheitert ist, sondern eine Zeit, die seine Tugenden nicht zu schätzen wusste. Das ‚Land der Tugend‘ wartet darauf, wiederentdeckt zu werden.


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Du Opfer!

Ist „Du Opfer!“ nur Jugendslang oder die brutalste Wahrheit unserer Zeit? Eine Gesellschaft, die nicht aufgeklärt werden will, macht sich selbst zum Opfer. Während sie glaubt, König der Wüste zu sein, frisst sie in Wahrheit Dreck. Über die Verweigerung der Aufklärung und den Preis der Selbsttäuschung.

Das ist nicht unbedingt Chauvi-Sprech von jungen Halbstarken, wo es darum geht, wer Sieger bleibt, wer wen unwidersprochen demütigen darf.

Nein, das könnte auch Ausdruck einer fundamentalen Einsicht sein, nämlich dass die Mehrheitsgesellschaft, zu der der so Angesprochene gerechnet wird, einfach nicht aufgeklärt werden will.

Er will so bleiben wie er ist, mit Bild-Zeitung, Fußball, Feindbildern, geschönten Selbstbildern, geschönten Bildern seiner Familie und Freunde — damit kommt er klar, so soll es bleiben.

Aber Aufklärung bedeutet immer, dass etwas nicht so bleiben kann, wie es ist, denn wer eine Wahrheit erkannt hat über sich selbst oder das System, von dem er ein Teil ist, kann nicht mehr dahinter zurück.

Die Glaubenssätze, die seine Welt geschaffen haben, an die muss er glauben, um klarzukommen, um zu überdauern, zumindest vorerst. Damit alles so bleibt, wie es ist, wie er es kennt.

Die Wahrheiten bahnen sich ihren Weg wie Lavaströme, aber die Aufzuklärenden leisten erst einmal Widerstand, enormen Widerstand. Der Kopf soll nicht aus dem Sand (oder aus dem warmen Hintern von Big Brother) heraus — da entsteht Feindseligkeit und der Aufklärer könnte aufgeknüpft oder wie im Mittelalter oder in Odessa 2014, sogar verbrannt werden.

(Die Wahrheit liegt auf dem Platz, sagt man im Fußball. Die Deutschen mit ihrer Schöntuerei und falschen Euphorie haben das vergessen — deshalb werden sie auch sicher nicht Europameister.)

Darüber muss man sich als Aufklärer im Klaren sein: Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd, und Lügen haben kurze Beine — das sagt man auch dann, wenn der Lügner seine Lüge selbst glaubt. Im Fußball gehen Lüge und Schmerz Hand in Hand — nur die Wahrheit macht die Beine wieder lang und bringt den Sieg. Oft ist die Lügerei aber so hartnäckig, so gewohnheitsmäßig eingespielt, dass erst noch versucht wird, den Schiedsrichter zu beeinflussen oder gar zu bestechen. Dann braucht’s halt mal einen veritablen Zusammenbruch, z.B. 0:6, um die Bedeutung der Wahrheit wieder zu offenbaren.  

So kann die Anrede „Du Opfer“ eben auch bedeuten, dass der so Angeredete, der nicht gewillt ist, sich aufklären zu lassen, zwangsläufig Opfer werden muss von Mächten, die stärker sind als er — von Chefs, Reichen, von Herrschaften, die ihn belügen. Er glaubt wohl selber, er sei Herrschaft — da hat er sich aber getäuscht. Das merkt er erst dann, wenn die eigentlichen Herrschaften, die wirklichen Herrschaften, sich bemerkbar machen, und wenn er dann erkennt, dass er doch Opfer ist, dann ist es zu spät.

Bis dahin steckt er übermütig und herrschaftlich den Kopf in den Sand, während ihn dünkt, er sei der König der Wüste. Aber in Wahrheit frisst er Dreck. 

Du Opfer!


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Buddhismus und Aufklärung

Indem ich den Lehren des Buddha folge, bin ich bemüht, die Ursache des Leidens aufzuheben, indem ich den Strom der Inhalte meines Bewusstseins möglichst vorurteilslos beobachte. Dadurch soll den Geistesgiften Gier, Hass und Ignoranz, die meinen Blick auf die Wahrheit des Seins verstellen und mich dadurch im Kreislauf des Leidens festhalten, die Wurzel gezogen werden. Im hellen Licht der Selbsterkenntnis verschwinden diese Schatten, um Selbstlosigkeit und grenzenlosem Wohlwollen Platz zu machen.

Retreathaus Berghof, Osterkurs


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Immun gegen Propaganda

Sommer 2021: Während alle über Impfungen stritten, hielt ich auf einem Montagsspaziergang diese kleine Rede über die dahinterliegenden Propaganda-Mechanismen. Heute, bei neuen Konflikten, erweisen sich diese Gedanken als erschreckend aktuell:

Wir dürfen nicht am Mainstream verzweifeln.

Die sog. Schlafschafe sind keine. Wie die meisten Menschen, und das gilt auch für die meisten von uns, sind sie von ihrer eigenen Urteilsfähigkeit nicht besonders überzeugt. Sie halten sich für Experten auf ihrem eigenen kleinen Gebiet, ansonsten vertrauen sie auf das Urteil fremder Experten, deren Reputation allerdings von einer Mehrheit der Experten auf dem jeweiligen Gebiet bezeugt werden muss. Nun, es reicht sogar, wenn die Mehrheit der Massenmedien etwas verkündet und die Mehrheit der Freunde und Bekannten das glaubt. In der Public Relations beziehungsweise Propagandawissenschaft ist das der wohl am häufigsten eingesetzte Masseneffekt.

Die sog. Machteliten sehen seit jeher hierin einen einfachen, wirksamen Mechanismus, auf dem sie ihr Meinungsmanagement aufsetzen. Dazu benötigt man lediglich eine weitgehende Gleichschaltung der Massenmedien. Da diese seit Jahren zunehmend nicht mehr von den Lesern, Zuhörern und Zuschauern finanziert werden, sondern von den Konzernen bzw. Kapitalsammelstellen, handelt es sich somit um eine verständliche, leicht nachvollziehbare Einflussnahme. Wer die Musik bezahlt, bestellt und bekommt sie auch. Zur Gleichschaltung gehört auch, dass nicht gleichgeschaltete alternative „Graswurzel“ Medien bekämpft werden müssen. Die Kampfmittel reichen von framing, zb „rechtsoffen“, Kontaktschuld zb „du läufst mit nazis“ über Diffamierung zb Antisemit, Kinderschänder, bis zum Verbot mit Hausdurchsuchungen und Gefangennahme mit Beschlagnahmung der gesamten Habe, Accounts und Konten. Der Journalist Julian Assange erleidet wegen der Aufdeckung von Kriegsverbrechen moderne Folter, das hat Nils Melzer berichtet, nachdem er ihn in der Funktion des Kommissars für Folter der Vereinten Nationen besucht hat, ohne dass die Kollegen der Massenmedien, die von seiner Arbeit profitiert haben, auf die Barrikaden gehen.

Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch, dass diejenigen, die ihrem eigenen, selbständigen Urteil vertrauen und unabhängiges Quellenstudium betreiben (das geht noch, wenn auch erschwert durch technische Blockaden der Machteliten, die von Computerfreaks aber überwunden werden können), immer mehr werden, bis dieser Masseneffekt in die Gegenrichtung umschlägt. Dafür gibt es in der Geschichte viele Beispiele.


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Aufklärung: den Lämmern sagen, dass sie geschlachtet werden

Wie funktionieren Herrschaftssysteme? Warum protestieren die Beherrschten so selten? Eine düstere Allegorie:

Wenn der Hirte oder ein Lamm den anderen Lämmern sagt, dass sie geschlachtet werden, dass das sogar ihr Lebenszweck ist, zerfällt die Herde in zwei Teile, für die einen sind das Verschwörungstheorien, die anderen regen sich furchtbar auf, wodurch nach dem Schlachten ihr Fleisch nicht mehr gut schmeckt. Diese vorwitzigen Lämmer werden zuerst geschlachtet, bevor das Fleisch so richtig schlecht schmeckt. Falls es der Hirte war, der aufgeklärt hat, wird er entlassen. Der Herdenbesitzer hat kein Problem, einen neuen Hirten zu finden, der sein Handwerk versteht.

Herdenbesitzer: ganz recht, ohne mich gäbe es die Lämmer gar nicht. Ich bin daher quasi ihr Schöpfer, ihr Gott. Fragte man sie, ob sie, aufgeklärt über Ihre Opferrolle, lieber auf die Existenz verzichten würden, gäben sie selbstverständlich ein unmissverständliches NEIN zur Antwort. Und dass sie durch ihren Opfertod mir, dem Schöpfer, eine kaum zu toppende Gaumenfreude bereiten, gibt ihrem kurzen, aber schönen und gemütlichen Leben einen kaum zu toppenden Sinn! Sie sollten dankbar sein und sich glücklich schätzen, dass sie bis zum Tod, und insbesondere auch durch ihren Tod, ein derart sinnvolles Dasein fristen konnten.


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Präambel

Dieser Blog setzt sich mit der sogenannten Zeitenwende auseinander. Wir befinden uns in einem tiefgreifenden Umbruch, der in zwei beunruhigende Richtungen zu weisen scheint: Einerseits erleben wir eine Rückentwicklung der Errungenschaften der Aufklärung – hin zu neuen Formen des Feudalismus, nun unter der Herrschaft globaler Konzerne. Andererseits treibt uns eine radikal materialistische Weltanschauung in Science-Fiction-Szenarien, in denen Mensch-Maschine-Hybride als erstrebenswerte Zukunft des menschlichen Geistes gepriesen werden.

Die Dystopien des 20. Jahrhunderts haben uns gewarnt: Jewgenij Zamjatins Wir (1920) beschreibt einen totalitären Einheitsstaat mit vollständiger Überwachung und Entindividualisierung hinter einer grünen Mauer. Aldous Huxleys Schöne neue Welt (1932) zeigt eine konditionierte Gesellschaft, in der Menschen künstlich gezüchtet werden, um durch Unterdrückung von Gefühlen Stabilität zu gewährleisten. George Orwells 1984 (1949) porträtiert eine Welt unter Big Brother – mit Gedankenpolizei, Newspeak und permanenter Manipulation der Wahrheit.

Auch das Kino hat diese Warnungen aufgegriffen: Fritz Langs Metropolis (1927) thematisiert Klassenkonflikte in dystopischen Zukunftsmetropolen. Ridley Scotts Blade Runner (1982) und Denis Villeneuves Blade Runner 2049 (2017) erkunden Identitätskrisen in überbevölkerten Megastädten. Paul Verhoevens RoboCop (1987) karikiert den Kampf gegen Konzernmacht, während Jean-Luc Godards Alphaville (1965) eine emotionslose Technokratie porträtiert, in der ein Detektiv gegen einen Supercomputer rebelliert.

Diese Werke sollten Schaudern auslösen – doch manche scheinen in ihnen Vorbilder zu erkennen. Eine Weltanschauung, die sich auf einen radikalisierten Darwinismus beruft, in der „der Krieg der Vater aller Dinge“ und „der Zweck die Mittel heiligt“ als Naturgesetze gelten, reduziert menschliche Wärme und Barmherzigkeit zu irrelevanten Sentimentalitäten.

Dieses Blog möchte daran mitarbeiten, dass die europäische Aufklärung nicht – wie Adorno und Horkheimer warnten – in neue Formen der Barbarei umschlägt, sondern im Sinne von Kants Ewigem Frieden oder auch Marx‘ klassenloser Gesellschaft eine Vernunft kultiviert, die ohne Feindseligkeit auskommt – eine Vernunft, die dem Menschen dient, statt ihn zu unterwerfen.